EuropameisterschaftenMünchen, 6.-11. August 2002 - Nachbetrachtung

Verband und Medien schätzen Münchner Publikum falsch ein

München, 13. August 2002 (orv) - Nun ist es also vorbei, das große Leichtathletikspektakel im Münchner Olympiastadion, und es war ein gelungenes Fest, hochgelobt von allen Seiten. Einer der Hauptgründe dafür war das in nie erwarteter Anzahl von über dreihunderttausend Fans zählende Publikum mit all seiner Fachkenntnis, Objektivität und Begeisterungsfähigkeit. Treffend dazu meinte Olympiapark Chef Wilfried Spronk: "Die Zuschauer haben für die Leichtathletik mit ihren Füßen abgestimmt." Damit hat der EM-Macher aber nur die Hälfte der Wahrheit ausgesprochen. Die Fans haben auch mit den Händen und vor allem mit ihrem Herzen abgestimmt, indem sie weniger die Gladiatoren dieser EM und deren Rekorde feierten, als vielmehr jeden der antretenden Sportler, ganz gleich welcher Nation sie angehörten oder welchen Platz sie belegten, mit Beifall überschütteten. Sie haben einfach die Leichtathletik gefeiert mit all ihrer Rasanz und Spannung beim fairen Wettkampf. Damit schwemmten sie quasi mit vielen La Ola Wellen die Miesschreiber der Medien, die im Vorfeld glauben machen wollten, nur eine kleine, schlagkräftige Mannschaft gäbe Sinn für den DLV, als auch die völlig verfehlte Normpolitik des Verbandes selbst, der damit glaubte, Mitläufer und despektierlich bezeichnete deutsche EM-Touristen, die nicht an den Mann, sprich Publikum, zu bringen seien, vom Großereignis fernhalten zu müssen.

Um das ganze Hickhack in der Zeit vor der EM ein wenig verstehen zu können, muss man auch die Hauptakteure und deren Verbindlichkeiten untereinander beim großen sportlichen Spiel, dessen Bedeutung freilich erst durch die finanzielle Variante so groß wird, ein wenig beleuchten. Da wären einmal die Athleten/Innen, die eigentlich wichtigsten Faktoren, so meint man wenigstens. Die wollen zwar alle hin zum Championat, haben meist nichts zu sagen und sollen gefälligst Höchstleistungen am laufenden Band, möglichst in Rekordnähe oder drüber bringen. Da wäre die Öffentlichkeit, sprich Zuschauer im Stadion und in weit größerer Anzahl vor der Glotze, denen man ständig nachsagt, nur dann satt und zufrieden zu sein, wenn die Leistungen permanent steigen, denen man aber auch all zu oft jeglichen Sachverstand abspricht, um sie mit selbsternannten Fachkommentatoren, wie jene bei Eurosport einfach totzuquasseln. Damit kämen wir gleich zu den Medien, die ersteres, nämlich den sportlichen Wettkampf der Athleten, zweiterem dem möglichst immerzu steigendem Publikum, transparent zu machen haben. Blieben noch die Verbände, die für den Organisationsrahmen, die Regeln und deren Einhaltung und die Auswahlkriterien zu sorgen haben. Letzter Faktor im modernen Management von Sportevents sind schließlich die Sponsoren, ohne deren Geld praktisch nichts mehr möglich wäre. Naiv betrachtet wäre also alles in Butter, wenn die oben genannten Faktoren nun einfach konstruktiv zusammen arbeiten würden, um das Ganze wohl gedeihen zu lassen. Wie das aber immer so ist, wenn Geld im Spiel ist, schaut jeder zunächst einmal zunächst selbst auf sich. Da wären die Verbände, die eigentlich pro Athlet sein sollten, um möglichst viele hinzubringen, aber oft genug mit ihrem Herzen in der Hose den fachunkundigen Forderungen der Medien nachgeben, weil jene mit schlechter Berichterstattung die Spezies der Sponsoren wieder madig machen könnten, deren Kohle auch die Funktionäre so gerne in Massen scheffeln wollen. Jene von der berichtenden Zunft verweisen wiederum lautstark ob ihrer oft abstrusen Leistungs- und Rekordverherrlichung auf ihre Kundschaft, die Leser und Zuschauer, die so etwas ageblich sehen, hören und lesen wollen, verschweigen aber tunlichst den wahren Grund ihres Tuns. Da fast sämtliche Medien nicht mehr über den Verkauf ihrer Ware finanziert werden, sondern am Tropf der Werbung hängen, ist nicht bedeutend was der Zuschauer betrachten will sondern eben jenes, was die PR-Chefs von Milka, Telekom, Reisebank, Adidas und wie sie alle heißen, sehen wollen. Die aber brauchen wieder die Einschaltquoten, das heißt möglichst viele an der Glotze, um ihren Erfolg zu sichern. Und da wären wir nun beim großen Reigen dort angekommen, wo die große Chance unserer wunderschönen Sportart liegt, wenn vor allem die Verbände und die Medien die "Abstimmung mit Händen und mit Füßen" richtig deuten und umsetzen. Wenn nun einmal feststeht, dass besagtes Leichtathletikpublikum nicht primär wegen Rekorde, den Meistern und der Höchstleistungen in die Stadien strömt, dann wird es dies wohl auch nicht auf der Mattscheibe sehen wollen. Das heißt im Klartext für die Medien, die Leichtathletik mit all seinen Mitläufern, Exoten und Meisterschaftstouristen ist der Star. Das heißt aber auch für die Verbände, ihr Athletenkontingent voll auszuschöpfen, auch wenn eine Vielzahl davon nur "unter ferner liefen" einkommen werden. Denn erstens sind die Verbände für die Athleten zuständig, zweitens haben sie kein Recht, jenen, die sich ohne große finanzielle Unterstützung, weil perspektivlos, aber eben international qualifiziert, oft jahrelang plagen, um das sportliche Highlight ihres Lebens zu bringen. Und drittens wollen wir Zuschauer für unser Geld eben auch die Vorläufe stattfinden sehen, einen Marathon mit nicht nur zwei dutzend Teilnehmern verfolgen können und uns auch über unseren "local heroe", auch wenn er am Ende des Feldes landet, begeistern können. Also meine Damen und Herren speziell vom DLV und jener auch mal despektierlich gesagt leistungsgeilen Medienrichtung: Das Münchner Publikum hat abgestimmt, es will anderes von euch hören und sehen.