Telis-Langtrecken-Asse überraschen ganz Deutschland und sich selbst am meisten

Pflieger3_DM10000m_2012_Schaakefoto_MZMarburg, 5. Mai 2012 (orv) –  Irgendwie hatte die Szenerie spät abends nach dem letzten Lauf der Deutschen Meisterschaften über 10.000m im schmucken Marburger Stadion etwas Unwirkliches: Soeben hatte ein Telis-Quintett fast ganz Lauf-Deutschland in Grund und Boden gelaufen, was selbst Teamchef Kurt Ring für einige Minuten sprachlos machte. Als letzter seiner Matadore hatte soeben Youngster Jonas Koller mit dem dritten Platz in der U23-Wertung den Zielstrich überquert, sich dabei um beinahe eineinhalb Minuten gesteigert und nur äußerst knapp bei etwas mehr als zwei Sekunden die U20-WM-Norm von 30:15 verpasst. Ziemlich genau neunzig Sekunden vorher war Teamkollege Philipp Pflieger mit seiner ersten 28er-Zeit zu seinem ersten Männer-Einzeltitel gestürmt, hauchdünn mit 76 Hundertstel über der EM-Norm in 28:45,76 bleibend. Schon vorher hatten sich alle drei Telis-Mädel ebenfalls getraut: Als Dritte und Vierte der Frauenwertung übertrafen Maren Kock und Jana Soethout auf Anhieb die 34er-Schallmauer bei exakt genau 33:29,14 und 33:57,53, was für Kock zugleich der überlegene Juniorinnen-Titel war. Ganz am Anfang schon hatte Steffi Volke überlegen mit neuem Hausrekord von 35:31,18 die W35er-Wertung in einem Start-Ziel-Sieg heim gebracht.

Koller1_DM10000m_2012_Schaakefoto_MZ„Eigentlich ging alles ganz leicht und dann bei sieben Kilometern konnten die alle nicht mehr. Also musste ich mein Ding alleine machen. Da geht noch einiges“, war sich Philipp Pflieger schon kurz nach dem Lauf sicher, national derzeit anscheinend auf der längsten Bahndistanz zumindest an diesem Abend konkurrenzlos. Natürlich wurmten die 76 Hundertstel, dann aber doch nicht sehr, weil es eben erst das erste Rennen war in einer noch langen Saison. „In Oordegem werde ich nun die 13:35 angreifen, dann schau‘n wir mal weiter“, gab er sich optimistisch für die Zukunft.

Jonas Koller lieferte Ähnliches, manche mögen es sogar als sensationell bezeichnen. So eine 10er Zeit auf der Bahn hatte in Deutschland in den letzten Jahren kein Youngster zu Wege gebracht und das Olympiastadion von Barcelona, in diesem Jahr Austragungsstätte der Junioren-WM U20, war plötzlich ganz nah da. „Einen zweiten Versuch in vierzehn Tagen wird Jonas jedoch nicht wagen, das wäre dann einfach zu viel für den noch jungen Mann. Wenn der Verband junge Langstreckler dabei haben will, dann muss er ihn mit den 30:17 mitnehmen“, zeichnete sein Coach Kurt Ring gleich mal die nächsten Koller-Wochen vor, “jetzt soll er erst auf der Unterdistanz schneller werden.“

Kock4_DM10000m_2012_Schaakefoto_MZDebütantin Maren Kock testete die Ware 10.000m mit einer ersten Hälfte in 16:58 erst einmal vorsichtig an und als sie merkte, dass ihr das Ding passte, stürmte sie unaufhaltsam mit einer zweiten, äußerst feinen Hälfte von 16:31 zu einem Ergebnis, von dem wohl sie selbst im Vorfeld nicht einmal geträumt hatte. Eigentlich im wahren Leben eher zurückhaltend, funkelten dann im Ziel ihre Augen, als hätte sie gerade die nationale Langstreckenwelt auf den Kopf gestellt. Na ja noch  nicht ganz, aber ein Anfang war jedenfalls gemacht.

Dahinter wurde Jana Soethout, die Kölnerin im Telis-Trikot, von Runde zu Runde auch immer schneller und als die ihre ehemalige Teamkollegin Veronika Pohl bei sechs Kilometern eingeholt hatte, huschte ein Lächeln über ihre Lippen, als wär’s nun der endgültige Aufruf zum Unmöglichen.Soethout-Kallenberg1_DM10000m_2012_Schaakefoto_MZ Nach 25 Runden hatte sie es vollbracht: Bei bisher 35:07 ließ sie eine mögliche 34er Zeit gleich mal aus und zauberte nie für möglich gehaltene 33:57 auf die Bahn, wobei auch hier die zweite Hälfte deutlich schneller war.

Steffi Volke, als W35-Läuferin bereits Stunden vorher im Geschäft, musste sich noch mit Wind, Regen und eiskalten Temperaturen herumschlagen, zudem einsam und allein in der zweiten Hälfte ihre Runden drehen. Dafür waren die 35:31 nach einer schweren Magen-Darm-Geschichte während des zurückliegenden Trainingslagers und anschließender Saure-Gurken-Zeit mehr als achtbar und machten Geschmack auf mehr.Volke9_DM10000m_2012_Schaakefoto_MZ „Im Frauenrennen wären die 35 Minuten gefallen und Top acht wär’s außerdem gewesen“, tröstete Coach Ring dort, wo’s eigentlich gar nichts zum Trösten gab, weil wieder einmal sein Team wie aus einem Guss gelaufen war.