Wie es ein Läufer der zweiten Reihe sieht

Regensburg, 23. Juli 2013 (Reinwand) - Der deutsche Langstreckenlauf „stagniert auf niedrigem Niveau“, stellte unlängst auch Martin Grüning in seiner Runner´s World Kolumne fest. Doch „Da tut sich was“ entgegnete zu seiner Verwunderung Lauf- und Redaktionskollege Dieter Baumann. Ein geschärfter Blick auf die 5000m Top 10 der vergangenen Jahre offenbarte es ihm: „Die deutsche Männer-Langstreckenszene stabilisiert sich auf niedrigem Niveau. Und das seit 10 Jahren.“ Weiter folgert er: „Stagnation ist immerhin kein Rückschritt.“ Ist Baumanns These damit also bestätigt?


Außenstehenden mag sich die Frage nach den Ursachen stellen - aktive Läufer kennen sie zuhauf. Aus aktuellem Anlass hier ein persönliches Beispiel: Als motivierter Langstreckenläufer bin ich natürlich immer darauf aus, neue Bestzeiten zu laufen. Aus diesem Grund war ich auf der Suche nach einem adäquaten 10.000m Rennen. Das ist gar nicht so leicht, in Deutschland, abgesehen von den nationalen Meisterschaften früh zu Saisonbeginn, erfolglos. Also habe ich über den Tellerrand geblickt und die Niederländischen Meisterschaften auserkoren. Einer Teilnahme „außer Konkurrenz“ sollte meiner Einschätzung nach nichts entgegen stehen, schließlich sind bei uns auch immer wieder Gaststarter vertreten. Doch weit gefehlt! Die Holländer wollten mich nicht so recht, meine 29:55min aus dem Vorjahr mit Position 6 in der Meldeliste seien zu langsam für deren Top 3 Kriterium zur Zulassung von ausländischen Athleten. Meine Bitte an den leitenden Bundestrainer Männer Langstrecke, dem Niederländischen Verband gegenüber lediglich eine Empfehlung für meine Teilnahme auszusprechen, wurde mit „nicht mein Zuständigkeitsbereich“ abgetan, aber immerhin noch an den DLV-Sportdirektor weitergeleitet. Doch dieser ließ sich auf Nachfrage nur die halbherzigen Argumentation „kein B-Kader, keine Handhabe“ entlocken. Auch der Hinweis auf die Teilnahme eines niederländischen Athleten bei den Deutschen 10.000m Meisterschaften 2010 vermochte den DLV nicht so recht überzeugen. Dabei hätte ein einziger netter Anruf beim niederländischen Kollegen wahrscheinlich schon genügt.

Die Frage die sich mir stellt, ist: Kann sich der nationale Verband auf Dauer eine solche Ignoranz der Dinge leisten? Die aktuelle deutsche Bestenliste antwortet mit einem klaren Nein. Nicht mal zehn Läufer haben es dieses Jahr unter die 30 Minuten geschafft, kein einziger unter 29 Minuten. Statt sich auf hohem Thron hinter Regelwerken und Statuten zu verstecken, sollte man froh sein, froh um jeden Athleten, der wegen fehlender Möglichkeiten im Inland noch bereit ist, auf eigene Kosten ins Ausland zu reisen, um dort 10.000m zu laufen. Statt den Blick ausschließlich auf nicht vorhandene Medaillenkandidaten für internationale Wettbewerbe zu richten, sollte man überlegen woher die neuen Talente denn kommen sollen, wenn bald nicht mal mehr die zweite Garde vorhanden ist. Der schnelle Nachwuchs profitiert nämlich von denen, die es nicht ganz nach vorne schaffen, sei es als ständiger Trainingspartner, wie in Regensburg der Fall, oder im Wettkampf.

Statt bei den „German Meetings“ den Etat für 5000m Läufe mit international drittklassigen 13:20-Minuten-Afrikanern zu verschwenden und sich dann darüber zu wundern dass die einzigen beiden deutschen Protagonisten zum Hinterherlaufen bzw. Aufgeben gezwungen sind, sollte man besser auf für nationale Läufer adäquate Konkurrenz setzen. Ein Blick in belgische Kleinstädte würde schon genügen. Dort bekommt man beim Flanders Cup ohne nennenswerte finanzielle Mittel und Startgelder Top Felder und beste Bedingungen geboten. Die Athleten kommen der Möglichkeiten wegen von alleine und liefern bis in die späten Abendstunden hinein Bestzeiten am Fließband. Das "deutsche Ehrenamt" scheint sich zu dieser Zeit meist schon im Tiefschlaf zu befinden, wichtige Funktionäre haben schließlich Anspruch auf ein geregeltes Wochenende. Am Sonntag ist spätestens zum frühen Abend Schluss, weshalb der 5000m Endlauf der Männer bei den Deutschen Meisterschaften seit Jahr und Tag ungeachtet der äußeren Umstände um 17 Uhr stattfindet und meist zum Hitzerennen ohne Chance auf schnelle Zeiten verkommt. Dem Nachwuchs würde ein solches Rennen mit „den Großen“ unter Umständen Anreiz und Plattform für Bestzeiten geben.

Mancher Funktionär der oberen Etagen mag die Ironie in Grünings Kolumne noch verkennen, deshalb nochmals in aller Deutlichkeit: Wacht endlich auf und kommt von eurem hohem Ross runter, sonst rennt Deutschland weiterhin hinterher!