Wenn aus einem Traum Wirklichkeit werden soll

harrer c london2012 foto chaiRegensburg, 11. Januar 2014 –  2014 werden keine olympischen Träume geboren. 2014 sind nur Europameisterschaften. Nicht die der Junioren, Jugendlichen oder Senioren sondern die der Großen, der Männer und Frauen. Ein alter Journalist, der eigentlich nichts mit dem Sport zu tun hatte, antwortete mir auf meine euphorischen  Ausführungen über unsere erfolgreichen, mit kontinentalen Medaillen dekorierten Nachwuchsathleten,: „Was heißt hier Europameister? Es gibt nur einen Europameister und der ist der beste Europas in seiner Disziplin.“ In Zeiten, in denen sich jeder Freizeitsportler gerne in den Medien sieht, im Zeichen von vielen Titelkämpfen der verschiedensten Kategorie in ein und der derselben Disziplin und in Zeiten der verschiedensten Helden vieler Stammtische geht Einzigartiges gerne verloren, wenn es aus welchen Gründen auch immer leicht verändert vervielfältigt wird.


Allein der Begriff „Olympia“ hat seinen ursprünglichen Glanz noch nicht verloren. Olympiasieger gibt es nur alle vier Jahre, Olympiasieger ist man immer. Das gilt natürlich auch für alle Platzierten. Und weil das die verschiedensten Sportlobbyisten schon längst erkannt haben, knappert man auch hier schon wieder an der Einzigartigkeit. Wer braucht denn bitte olympische Jugendspiele? Diejenigen, die den Olymp später wirklich besteigen, sicherlich nicht. Es sind jene intrinsisch motivierten Sportler, gesegnet mit einem überdurchschnittlichen Talent für ihre Sportart, die sich auch ohne diesen Krückstock durchbeißen, weil sie nichts anderes wollen, als ganz oben anzukommen. Olympiasieger kann nur einer werden, nämlich der Beste.

Deshalb sind wohl sportliche Träume nach Höchstleistung häufig keine nach irgendwelchen Meisterschaften, sondern stets olympische. Zwischen Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen in einer Sportart ist in fast allen Fällen qualitativ kein Unterschied mehr zu sehen. Der Traum wird mit wenigen Ausnahmen, wie dem Fußball oder ein paar anderen Profisportarten, die erst sehr spät über die immer größer werdende Kommerzialisierung olympisch geworden sind, trotzdem in den meisten Fällen ein olympischer sein. Ein Grund dafür ist sicher die außergewöhnliche Solitärstellung des Ereignisses.

Echtes sportliches Erfolgsdenken lässt sich nicht unbedingt sozialisieren zu einem „Miteinander zur absoluten Spitze“. Der Leistungssport ist eine evolutionäre Auseinandersetzung und braucht den Wettkampf. Einer gewinnt, die anderen verlieren. Das macht ihn letztendlich elitär und doch interessant und spannend. Eingedenk dessen, dass nur ganz wenige physisch gesehen das Siegergen in sich tragen, spielt zudem psychische Härte und Ausdauer gepaart mit einem eisernen Willen eine überragende Rolle.

Ob er zu dieser ganz seltenen Spezies dieser „Übermenschen“ gehört, weiß der Sportler in aller Regel erst, wenn er ganz oben angekommen ist, in jener sportlich elitären Sonderklasse. Dann, wenn die Spreu vom Weizen getrennt ist. In einer Gesellschaft, in der aber gern jeder etwas vernünftige Keim bereits als zukünftiges Superkorn verkauft wird, erkennen nur noch erfahrene Experten rechtzeitig jene Eigenschaften, die man dazu unbedingt braucht. Trainer können solche Experten sein, wenn sie ehrlich zu sich selbst und vor allem zu ihren Schützling sind.

„Je erfolgreicher und erfahrener ein Coach wird, desto bescheidener wird er in Hinblick auf sein Einwirken zur Leistungsentwicklung. “Ohne den entsprechend hoch talentierten Sportler kannst du nichts ausrichten“ sagen die alten Haudegen der Sparte. Die zukünftigen Olympioniken wachsen aber nicht auf den Bäumen. Einer Begleitung in der oft sehr schnellen Entwicklungszeit von Supertalenten kann nur Hochleistungstraining folgen, wenn die richtigen Voraussetzungen im Entwicklungstraining dafür gesetzt wurden. Dort, wo dann Hochleistungssport beginnen soll, ist oft schon das Ende prognostiziert, weil eben vergessen wurde, rechtzeitig die Weichen für das beinharte olympische Geschäft zu stellen.

Wie sonst ist es möglich dass Bayern seit Jahren auf einer absoluten Erfolgswelle im Nachwuchsbereich schwimmt, seit Jahren bei den großen Meisterschaften inklusive der letzten drei Olympischen Spielen nur verschwindend wenig Einzelstarter in der Leichtathletik stellt? „Es gäbe hierzulande keine Vereine mehr, die solche Sportler fördern können“, sagte vor einigen Jahren der damalige BLV-Präsident Karl Rauh und meinte wohl die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Das mag oberflächlich betrachtet ein Grund sein, greift aber nicht vollständig, weil die wenigen bayerischen Olympioniken mit Sicherheit nicht wegen des verfügbaren Geldes olympisch tätig wurden. Ob nun ein Florian Schönbeck, eine Claudia Gesell oder eine Corinna Harrer, sie alle waren besessen vom Gedanken, zu den Besten zu gehören. Dafür haben sie alles gegeben.

Nicht ein bisschen und auch nicht nur fünf Mal die Woche. Schonungslos gegen sich selbst haben sie sogar oft ihre Gesundheit riskiert und sehr viel für ihr späteres Leben mitgenommen. Ein bisschen olympisch ist so wie ein bisschen schwanger. Hopp oder topp hieß ihre Devise, ganz oder gar nicht. Symptomatisch dafür sei Florian Schönbecks Käfereinlage erzählt (siehe youtube Video), als er im abschließenden 1500m Lauf der Olympiaqualifikation 2004 völlig entkräftet und total übersäuert einige Meter vor dem Ziel zu Boden stürzte, um krabbelnd auf allen Vieren doch noch die finale Linie zu überschreiten. Kompromisslos eben. Lindsey Vonn, die amerikanische Skifahrerin, sei hier ebenso zitiert, die trotz abgerissenem Kreuzband versuchte, Sotschi 2014 zu ermöglichen.

Olympia mag ein anfangs ein Traum sein, in Wirklichkeit ist Olympia eine beinharte, immerwährende Auseinandersetzung von ganz wenigen Privilegierten mit sich selbst und der jeweiligen Weltelite. Wer letztendlich nur zum Teilnehmen hinfahren will, um seinen Spaß zu haben, eben nur teilnehmen will, gehört dort eigentlich nicht hin. Dies den entsprechenden Nachwuchsathleten zu sagen, hat nichts mit der Zerstörung von olympischen Träumen zu tun. Allein der Respekt vor jenen außergewöhnlichen jungen Menschen, die es unter Einsatz aller Kräfte geschafft haben, erfordert diese Ehrlichkeit.

 

von Kurt Ring