Gleichzeitig viel anpacken heißt noch lange nicht gleichzeitig viel leisten

Regensburg, 22. März 2014 (Ring) -„Spitzenleistungen funktionieren nicht mit Multitasking“, sagt Gerd Gigerenzer, Psychologe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, „wenn wir das verstanden haben, dann können wir uns bewusst entscheiden, eine Sache nach der anderen zu tun. Nicht Hausaufgaben machen und den Fernseher laufen lassen, nicht Radfahren und SMS schreiben. Der Fernseher möchte angeschaltet werden, der Monitor möchte angeschaltet werden, dieses Spiel möchte jetzt gespielt werden, all die Freunde möchten jetzt sofort gehört werden, wenn sie anrufen. Wir brauchen vor allem die Fähigkeit, sich dem zu entziehen, denn sonst werden wir – und das kann auch jeder Jugendliche verstehen -  nur noch von Geräten gesteuert. Wir müssen lernen, das selbstbestimmt zu handhaben.“

 

Erschrocken über diese Aussage, entdecke ich, dass auch ich immer mehr dazu neige, bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten das Handy auf den Tisch zu legen, zwar immer noch schamhaft versteckt unter meinem Brillenetui. Aber es ist da! Selbstredend ärgert es mich, wenn meine jungen Athleten – die Athletinnen natürlich eingeschlossen – permanent mit diesem Ding herumrennen und jede Gelegenheit, und sei sie noch so unmöglich, dazu nützen, darauf herum zu tippen, um ihre siebenhundertsoundsovielen Mails zu checken … wie es in einem Lied so schön heißt. Was heißt hier schon „Mails“. Das Handy ist ein Smartphone und ich entdecke bei meinem, dass auch ich über inzwischen fünf Kanäle erreichbar bin und sich dabei mein Smartphone jedes Mal mit verschiedenen Tönen meldet.

Dass es bei mir nicht stets piepst, klingelt und tönt, liegt wohl daran, dass in meinem sozialen Umfeld bekannt ist, dass ich ein absoluter Feind des „social networking“ bin, Facebook immer noch auf meinem persönlichen Index steht und meine Athleten inzwischen wissen, dass es mich keinen Pieps interessiert, ob sie beim Frühstück wieder einmal gechillt haben. Zum Spaß habe ich mich vor zwei Wochen in die „Whatsapp-Trainingsgruppe“ unseres Vereins mit aufnehmen lassen. Wenn es dort „ping“ macht, folgt meist ein ganzes ping-Gewitter und einige Jungs haben sich angewöhnt, jeden Satz ihrer Nachricht in ein Extra-Ping zu verpacken. Im siebten „Ping“ steht dann „freundliche Grüße sendet Dir“ und im achten der Name. Wehe, du hast dann in einer Besprechung vergessen, den Ton deines Handys abzustellen.

„Das Unmögliche möglich machen“ heißt ein schöner Spruch. Ich möchte mich hier eher mit der Aussage beschäftigen „das Mögliche unmöglich zu machen.“ Das hat wohl mit einem falschen Verständnis des Begriffes „Freiheit“ zu tun. Aufgewachsen in der Nachkriegszeit  konnten wir als Heranwachsende –wir wurden erst laut damaligen Gesetz mit 21 Jahren volljährig – nicht alles tun, was uns so Spaß machte. „So lange du deine Füße unter unserem Tisch hast, hast du zu gehorchen“, hieß ein geflügeltes Wort der damaligen Elterngeneration. Irgendwie waren wir damals noch viel abhängiger von den Alten. Die Zeiten haben sich geändert, alles ist viel freier geworden und doch hat uns diese Freiheit in vielen Fällen unfreier gemacht.

Freiheit heißt nämlich auch in der heutigen Zeit, nicht alles tun und lassen zu können, Freiheit heißt, sich selbstverantwortlich für dies oder jenes entscheiden zu können. Und genau da liegt der Hund begraben bei der derzeit jungen Generation. In ständiger Angst, etwas innerhalb irres permanenten medialen Dauergewitters nicht mitzubekommen, entsteht Unordnung in den Gehirnen. Ein Defragmentieren der eigenen Wünsche und Visionen findet erst statt, wenn’s in den realen und wichtigen Teilen des individuellen Lebens brennt. Dann ist die Frage „Was ist möglich und was nicht?“ und die anschließende Prioritätsklärung über eine persönliche ABC-Analyse plötzlich überlebensnotwendig.

Allein das „Mögliche“ zu erkennen bereitet Vielen Schwierigkeiten. Ich habe erst kürzlich meinen Athleten ein Rätsel gestellt und verlangt mir darauf eine Antwort zu geben: „Ein Eichhörnchen hat drei Junge. Das Eichhörnchen besitzt 10 Nüsse und will jedem seiner Jungen 4 ganze Nüsse geben.“ Nur die wenigsten fanden die Lösung „Das geht überhaupt nicht“. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Unser Gehirn ist oft auch so ein Wald. Beim Computer ist das „Sehen der Bäume“ einfacher und damit auch das Entfernen des überflüssigen Gehölzes. Defragmentieren nennt man das. Man drückt auf eine Taste und die Maschine beginnt zu arbeiten, bis freie Plätze auf der Festplatte übrig bleiben. Eine überfüllte Festplatte gibt’s sowieso nicht.

Das menschliche Gehirn ist da viel komplizierter. Meist sind es die Emotionen, die einem vernünftigen Vorgehen im Wege stehen. Die Gier nach „Allem und noch viel mehr“ ist allgegenwärtig. Eben, das „Unmögliche möglich machen“. Was Milliarden von Menschen vor mir nicht gelungen ist, könnte doch mir gelingen. Und so passiert es denn immer wieder, dass das „Mögliche“ durch einen Wirrwarr von unmöglichen Vorstellungen torpediert, gefährdet und zerstört wird. Ein junger Athlet sagte mir erst letzte Woche: „Du hast wieder mal hundertprozentig recht gehabt, was du mir vor einem halben Jahr geraten hast.“ Damit ist aber niemanden geholfen.  Viel wichtiger wäre, schon bei der Zielsetzung darüber nachzudenken, ob der jeweilige Traum vom „Unmöglichen“ nicht das jeweilig „Mögliche“ gefährdet.

Gerade jene, die „Unmögliches“ erreichen, haben meist ein klares Ziel vor Augen, planen ihr Vorgehen akribisch und führen diesen Plan, voll konzentriert auf ihre Prioritäten, rational und eiskalt durch. Das heißt nicht, dass auch sie „keine Schmetterlinge im Bauch“ hätten, also völlig ohne Gefühle wären. Es gelingt diesen „Erfolgsmenschen“ nur, diese in die richtigen Bahnen und Zeiträume zu kanalisieren. Sie tun das in aller Regel nicht alleine. Sie verlassen sich auf ein Team, „ihr Team“, in das sie vollstes Vertrauen setzen.