Studium und Hochleistungssport sind nur noch schwer zu vereinen

Regensburg, 4. April 2014 (orv) – Die „Duale Karriere“ ist im Sport ein heißes Thema, nicht zuletzt deshalb, weil sich der moderne Hochleistungssport immer mehr zum Vollprofitum hin entwickelt.  Duale Karriere hieß in vielen Fällen: ein paar Semester mehr im Studium und beizeiten volle Konzentration auf den Hochleistungssport. In Zeiten des Bachelor und Master und der immer größeren Dichte von Top-Events klemmt es da aber immer heftiger. Deutschlands Universitäten haben den Hochleistungssport nicht im Plan.

 

„Wir fördern die duale Karriere“, sagt Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes) angesprochen auf die Studie der Sporthilfegruppe zu Burn-out im Leistungssport. „Der DLV beschäftige sich schon seit Jahren mit der Problematik. Neben der sportlichen Karriere sollte jeder Top-Athlet sich konsequent eine berufliche Qualifikation als Alternative erarbeiten.“ ((http://www.leichtathletik.de/index.php?NavID=1&SiteID=28&NewsID=42838 ).

„Als Leistungssportler habe ich den Schultag noch anders, entspannter erlebt, als das heute im G8-Alltag möglich ist“, sagte DOSB-Breuer anlässlich eines Zehn-Punkte-Programms 2013. Der frühere Eisschnellläufer nannte auch die Koordinierbarkeit von Studium und Leistungssport als einen Bereich, in dem Regelbedarf bestünde: „Die Zulassung zum Studium sollte praktischerweise am Trainingsort erfolgen und die Studienplanung muss flexibler, das heißt individueller möglich sein.“ Die Uni, so Breuer, müsse einen Mehrwert darin sehen, Sportler zu fördern. Auch für DOSB-Generaldirektor Michael Vesper ist das ein wichtiger Punkt: Auf Hochleistungssportler müsse mehr Rücksicht genommen werden, „da wünsche ich mir ein Modell wie in Amerika. Die Sportler am College und den Hochschulen sind dort Aushängeschilder“. Mit ihnen profiliere sich jede Universität.
(http://www.dosb.de/de/leistungssport/spitzensport-news/detail/news/zehn_punkte_programm_zur_dualen_karriere_beschlossen/ )

Letztendlich sind sie zahnlose Tiger, deren Statements sich immer noch weitgehend im Wunschdenken bewegen. Die Universitäten sind unabhängige Anstalten, ob und wo und wann sie in welcher Form dem Hochleistungssport ein Türchen öffnen, liegt allein in ihrem Ermessen, und zwar in dem einer jeden einzelnen Universität. Andere Nationen sind da viel weiter. Nicht von ungefähr wandern viele Leistungssportler studientechnisch in die USA aus, weil in den dortigen Colleges die Kombination Leistungssport und Studium nicht nur gewollt, sondern bewusst auch gefördert wird. Christophe Chayriguet, Scout für die amerikanischen Colleges im französischen Sport, sagt, dass auch unser Nachbarland bei diesem Thema viel fortschrittlicher ist. „Jeder Student, der Leistungssport treibt, kann sein Studium bei einer Leistung, die weit unter unseren Bundeskaderwerten liegt, strecken.“

Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen ist auch dem leitenden Bundestrainer Idriss Gonschinska klar. Anlässlich der Spitzensporttagung im Herbst 2013 ließ er verlauten, dass die Statistiken immer deutlicher zeigen, dass bei den Topevents vor allem die Athleten erfolgreich sind, die sich als Vollprofis darauf vorbereiten können. Lauf-Teamchef Wolfgang Heinig drückte sich nach den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau noch deutlicher aus: „Wir stürzen uns voller Begeisterung in die Duale Karriere, und dabei wird das Training zweitrangig behandelt. Von vielen Athleten wünsche ich mir ein wenig mehr Mut zum Risiko.“ http://www.general-anzeiger-bonn.de/sport/mehr-sport/leichtathletik/Ich-wuensche-mir-mehr-Mut-zum-Risiko-article1121167.html#plx1780536301 Er erntete dafür harsche Kritik von seinem eigenen Präsidenten, hat aus der Sicht des Trainers, der am Erfolg gemessen wird, natürlich recht. Doch recht hat auch der Präsident. Es gibt für den Hochleistungssportler auch noch ein Leben nach der Sportkarriere.

Der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB) bündelt beinahe 28 Millionen Mitglieder (letzte Bestandserhebung 2013). Er soll den deutschen Sport ordnen und lenken. Dazu gehört auch der olympische Hochleistungssport. Ansonsten kann das „O“ im Kürzel ersatzlos gestrichen werden. Er versteht sich auch so. Wie sonst könnte man die Medaillenvorgaben für seine jeweiligen Olympiateams aufstellen. Er nimmt den Leistungssport in die Pflicht und fordert den Erfolg. Umgekehrt sollte der Leistungssport den DOSB und seine Fachverbände in Sachen „Duale Karriere, Untergebiet universitäre Möglichkeiten, in die Pflicht nehmen. Eine Zielvorgabe und einen 10-Punkte-Plan gibt es, nur an der Ausführung mangelt es gewaltig und das nicht erst seit gestern. 28 Millionen im Hintergrund wären ein Pfund. „Funktionäre sollen funktionieren“ titulierte einst Sportwissenschaftler Lothar Pöhlitz. „Das ist schwierig“, ist ein stets geflügeltes Wort jener Sparte von Sportverwaltern, von denen es in unseren Sport-Verbänden genügend gibt. Jeder Fußballtrainer im harten Profigeschäft kann darüber nur lachen. Manchmal hat er nicht mal die Zeit, diesen Satz richtig auszusprechen und er ist schon wieder gefeuert worden. Dagegen kleben unsere Sportfunktionäre geradezu in ihren Sesseln, es sei denn, ein noch besserer wird ihnen angeboten.

von Kurt Ring