Von der Theorie der erweiterten Endkampfchance

Regensburg, 25. Juni 2014 (Kurt Ring) – Die Deutschen Leichtathletik Meisterschaften in Ulm sind DAS Fest der deutschen Leichtathletik schlechthin. Wer einmal an den nationalen Titelkämpfen im Stadion teilgenommen hat, will immer wieder dorthin, selbst dann, wenn er das Ende eines Wettbewerbsfeldes ziert. Der olympische Gedanke des Pierre Coubertin ist in Hinblick der nationalen Titelkämpfe auch in unserem Club stets ein Leitgedanke geblieben. Wer die Normleistung für die Teilnahme erfüllt hat, darf und soll auch teilnehmen. Kein Mensch hat natürlich etwas dagegen, wenn er siegt, Medaillen gewinnt oder bei den Besten ankommt. Dass das Publikum auch den Letzten schätzt, beweist immer wieder der warme Beifall, der aufbrandet, wenn der die/der Frau/Mann mit der roten Laterne die Zielgerade durchläuft.

 

Die Europameisterschaften sind DAS Fest der europäischen Leichtathletik. Sie finden inzwischen alle zwei Jahre statt. Dafür gibt es ebenfalls Eingangsleistungen, die in den „Entry standards“ fein aufgelistet sind. Die sind dem Deutschen Leichtathletik-Verband aber zu wenig. Für alle deutschen Leichtathleten, deren Interessen der Verband gerne vorgibt, zu vertreten, hat er qualitativ höherwertige Leistungen vorgesehen. Kernpunkt seines Qualifikationsvorgehens ist die erweiterte Endkampfchance der besten 12 Europäer/Innen in der jeweiligen Disziplin.

 

Warum deutsche Leichtathleten diese Vorgabe erzielen müssen, sagen die Vordenker des Verbandes nicht. Dem österreichischen  oder Schweizer Verband ist die erweiterte Endkampfchance egal. Sie schämen sich nicht, wenn ihre Athleten/Innen auch mal im hinteren Feld ankommen. Diese Arroganz gegenüber den etwas schwächeren, aber dennoch EM-tauglichen Leistungen scheint nur den großen Nationen vorbehalten.
 
So wird denn jede Saison zur immerwährenden Normenjagd degradiert. Sieg und Platz ist nicht mehr wichtig, nur noch die Normerfüllung zählt. Man wird’s auch wieder in Ulm erleben. Der Sieger bekommt die Meisterehren, dann zählt nur noch die Erfüllung der Norm, in diesem Fall für die Europameisterschaften in Zürich. So mancher Zweiter und Dritter steht fortan wie ein Depp da, sozusagen als Versager oder Sportler zweiter Wahl, weil er den hohen Ansprüchen des Normen-Gremiums nicht entspricht. So mancher Meister mag sich nicht freuen, weil er zwar gesiegt hat, aber der Dritte oder Vierte die Gunst eines besonders schnellen Rennens genützt hat und im Besitz der wertvollen Qualifikationsnorm für die EM ist.

 

Selbst für den Zuschauer in Ulm wird es nicht so leicht sein, zu erkennen wer nach Zürich darf. Nicht so, wie beim Fußball: Wer mehr Tore schießt, hat gewonnen. Selbst wenn bei den Leichtathletikmeisterschaften die ersten Drei im Besitz der A-Norm sind, heißt das noch lange nicht dass diese Drei fahren. Es könnte eben auch der Fünfte oder Vierte anstatt des Zweiten oder Dritten sein, weil sie im Vorfeld die etwas bessere Zeit erzielt hatten. Wenigstens der Meister mit Besitz der A-Norm bleibt in der Frage der Nominierung unbehelligt. Ganz schön kompliziert das Ganze. Und wenig transparent, damit auch nicht zuschauerfreundlich.

 

 Weil Funktionäre stets Angst haben, etwas falsch zu machen, schreiben sie alles sehr kompliziert auf und legen sich somit oft viele eigene Fußfallen. Die müssen dann meist die Athleten ausbaden. Echten Autoritäten mag man solche Fehler verzeihen, schließlich macht jeder Mensch Fehler. Gegenüber autoritär auftretenden Menschen tut man sich dagegen schwer, zumal dann, wenn in solchen Fällen immer die anderen, wer auch immer das ist, schuld sind.

 

Leider erlebe ich von „mächtigen“ Leuten in und um das Stadiongeschehen dieses Verhalten immer wieder. Was geschrieben steht, ist eben Gesetz, und wird ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt.  Auch dann, wenn zum Beispiel eine erst dreizehnjährige 800m-Läuferin aus Versehen ohne Vorteilsnahme auf eine weiße Linie tritt, auf die sie laut Reglement nicht treten darf. „Disqualifiziert“ lautet dann das Urteil – wo kämen wir denn schließlich hin. Deutschland ist schließlich kein leichtathletischer Bananenstaat, Deutschland ist die Norm schlechthin.

 

Da muss ich mich an einen Vorfall bei den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin erinnern. Bei 10.000m Rennen wird zu solchen Anlässen von zwei Startevolventen weggelaufen. Eine ist ganz innen, die andere dort, wo auf Bahn vier der 800m-Läufer wegrennt, wenn in Bahnen gestartet wird. Damit gibt’s weniger Rangeleien beim Start und die meist außen stehenden Besseren können ungestörter losrennen.

 

Sie dürfen erst nach hundert Meter auf die Innenbahn wechseln. Normalerweise markiert man dies mit Hütchen, alle zehn Meter eines, hundert Meter lang. In Berlin bei der WM hat man dies nicht getan. Schließlich seien Profis am Werk, dachte man wohl. Die scherten sich aber wenig darum und liefen sofort auf die Innenbahn. Damit hatten sie im Ziel eigentlich nur 9.990 Meter zurückgelegt. Nur dumm dass darunter die Besten waren, natürlich auch die Weltmeisterin über die 25 Runden.

 

Eigentlich hätte bei allen Acht, die dort auf Bahn vier ihren Fehler machten, am Ende ein „disqualifiziert“ stehen müssen, weil das Ganze mit Vorteilsnahme entstand. Doch Weltklasse, zumal dann, wenn sie aus Ostafrika kommt, hat eine andere Lobby als dreizehnjährige 800m-Läuferinnen.  Die acht Topathletinnen, die genau wussten, wie sie sich zu verhalten hatten – schließlich starteten sie nicht zum ersten Mal auf diese Weise – erfuhren Gnade vor Recht und deren erste Drei ließen sich folglich die WM-Medaillen umhängen.

 

Derselbe deutsche Funktionär der schon in Berlin keinen Finger rührte, um die Sache gerade zu richten, hielt sich auch in Regensburg vornehm zurück, als es um Gnade für die 13-Jährige ging. Wer nichts macht, macht auch keine Fehler. Als Meetingdirektor konnte ich mich im Falle der Dreizehnjährigen nur mit Brachialgewalt gegen die Obmänner durchsetzen, damit die Kleine in der Wertung blieb. Am Ende stellte sich heraus, dass sie sie auf Grund der in Regensburg üblichen Laufnummern, die verschieden zu den eigentlichen Startnummern sind, zu allem Überfluss auch noch verwechselt hatten. Und so mag sich jeder so seinen eigenen Reim auf diese Geschichten machen, von denen man in Folge einer Saison gar viele sammeln kann.