Ein Volk wird gleichgeschaltet – zumindest medial

Regensburg, 1. Juli 2014 (Kurt Ring) –  Das Stadion ist im Gegensatz zu sonst fast gespenstig leer. Dabei ist Montag auf der Städtischen Sportanlage am Weinweg. Ein Montag, wie so viele im Jahr, wenn sich auf der nagelneuen Kunststoffpiste Regensburgs Leichtathleten fit machen. Montags um 17.30 Uhr ist eben Trainingszeit, auch heute. Zumindest für meine Schützlinge. Sie träumen von den Landesmeisterschaften, vielleicht sogar von der Teilnahme bei den nationalen Titelkämpfen in sechs Wochen und zwei davon wollen zu den Europameisterschaften nach Zürich. Dafür trainieren sie Tag für Tag, sieben Mal in der Woche, öfter sogar zwei Mal am Tag, auch an diesem Montag, um ihren Traum zu leben. Auch dann, wenn nicht hundert Kameras auf sie gerichtet sind und kein Sommermärchen wieder einmal überschwappt.

 

Es hat keine Diskussion über eben dieses Training an diesem 14. Juni in Regensburg gegeben. Und das, obwohl ganz Deutschland gleichgeschaltet ist an diesem Montag, um 18 Uhr – medial gesehen. Unsere Jungs spielen gegen Portugal, bei den Weltmeisterschaften versteht sich und im Fußball! Das ist jetzt wichtiger und bedeutender als die Genesung des dramatisch geretteten Höhlenforschers, oder der Syrienkrieg, oder die verschleppten Mädchen in Afrika. Das ist alles verbraucht als News, diese Säue sind eben schon lange genug durchs Dorf getrieben worden – medial gesehen. Deutschland, und zwar gesamt gesehen alle 80 Millionen, haben sich jetzt vor der Mattscheibe einzufinden, sich schwarz-rot-goldene Schminke ins Gesicht zu schmieren, ebensolche farbigen Fähnchen zu schwingen und „Deutschland, Deutschland“ zu brüllen, natürlich einheitlich gekleidet im Outfit der deutschen Fußballnationalmannschaft.

 

Das ist normal – zumindest medial gesehen und jeder kann sich diese Einschätzung von 0.00 Uhr bis 24.00 Uhr bei den Medien bestätigen lassen. Sind also meine Mädels und Jungs unnormal, vielleicht sogar unmoralisch, wenn sie zu solch heiligen Zeiten einfach ihren minderen Beschäftigungen nachgehen. Keiner hat sie gezwungen, obwohl sie fast alle Fußballfans wie auch ich einer beizeiten bin, sind. Sie haben es einfach freiwillig gemacht. Oder vielleicht nur medial verzichtet, um sich geradezu sektenmäßig von den Übrigen abzuheben? Sie haben es nicht gesehen, jenes Unvermeidliche an diesem 14. Juni anno 2014, jenes unfassbare 4:0 gegen Portugal.

 

Sie können mir glauben, alle, die am Weinweg dabei waren, leben noch, putzmunter und gesund. Sie kauerten in diesen für die Nation so bedeutenden Stunden nicht mit Entzugserscheinungen vor ihren Handys. Sie haben konzentriert trainiert für ihre viel kleineren, aber ganz persönlichen Ziele. Ich weiß nicht, ob unsere Jungs von der Fußballnationalmannschaft gegen Portugal großartig gespielt haben, ich weiß aber, dass unsere zukünftige Gesellschaft, wer immer das auch sein mag, sich auf meine Mädels und Jungs verlassen kann. Sie lassen sich nicht einfach gleichschalten für irgendetwas, haben ihre eigenen Meinungen und Ziele und verfolgen diese verantwortungsvoll in einem sozialen Gefüge. Vielleicht wird es Zukunft wieder Ereignisse geben – bei denen man solche Mädels und Jungs dringend braucht – und das nicht nur im Sport. Man wird sich dann auf sie verlassen können. Auch das kann der Sport leisten, auch dann, wenn es nicht medienträchtig ist.