"Weltklasse Zürich" - mehr als ein Meeting

patrick-magyarZürich, 05. September 2014 (NF) - „Weltklasse Zürich“ stellt seit 2010 eines der beiden Finals der „IAAF Diamond League“ dar (neben Brüssel), existiert aber bereits als Meeting seit 1928. Es ist wohl das traditionsreichste und populärste Leichtathletikmeeting der Welt mit einer einzigartigen Atmosphäre, die das 30.000 Zuschauer fassende „Letzigrund-Stadion“ im Herzen Zürichs alljährlich erfasst.

Das „Weltklasse Zürich“ aber nicht nur das Spitzenmeeting in der Welt ist, sondern auch eine wichtige Schrittmacherfunktion in der Schweizer Leichtathletik, mit besonderem Augenmerk auf dem Nachwuchsbereich, einnimmt, wird im Interview unserer Redaktion mit CEO Patrick K. Magyar deutlich. Auch auf schwierige Themen wie den Start von ehemaligen Dopingsündern und dem Reformbedarf in der Leichtathletik geht Patrick Magyar offen ein. Das Meeting am vergangenen Donnerstag war sein letztes in der Position als federführender Meetingdirektor, welche er seit 2007 innehatte.

 

Herr Magyar, was hat sich im Vergleich zu 2007 bei Ihrem letzten „Weltklasse Zürich“ Meeting 2014 verändert?

2014 war „Weltklasse Zürich“ auch federführend für die EM. Die Kollegen, unser ganzes Team hat für beide Ebenen gearbeitet, die sehr zeitnah (12.08-17.08 EM und 28.08 „Weltklasse Zürich“) aufeinander folgten. Das war sehr viel Arbeit, aber man konnte auch davon profitieren. So ist das Jahr 2014 und 2007 nicht ganz vergleichbar. Doch wir haben in den letzten Jahren zusätzliche Plattformen entwickelt (UBS Kids Cup, Jugend trainiert mit Weltklasse Zürich,etc) und dadurch mehr Professionalität gewonnen, wodurch sich wiederum das Produkt „Weltklasse Zürich“ besser entwickelt hat. Kernkompetenz bleibt aber die Spitzenleichtathletik. Daran sollte nichts verändert werden.
Wir haben den Inhalt gleich gelassen, aber die Verpackung maßgeblich verändert. Zusatzprodukte wie „Weltklasse im Hauptbahnhof“, „Young Diamond‘s League“, „UBS Kids Cup“, „Jugend trainiert mit Weltklasse Zürich“, etc kreiert, um das Produkt für eine breite Klientel attraktiv zu machen.

 

Speziell bei „Weltklasse Zürich“ gibt es die „Young Diamond‘s League“. Welche Intentionen gab es für die Aufnahme dieses Programmpunktes?

Wir haben diesen Programmpunkt bereits 2008 als einen Teil eines Schweizer Förderprogramms konzipiert und entsprechend Mittel dafür eingesetzt (100.000€). Wir wollten unseren jungen, Schweizer Athleten die Chance geben bei „Weltklasse Zürich“ zu starten, was sonst nicht möglich gewesen wäre, weil die Hauptbewerbe meist besser besetzt sind als bei einer WM. Das Problem ist ja generell, dass es immer weniger Rennen gibt für junge Athleten mit europäischem Anschlussniveau. Deshalb haben wir Disziplinen herausgesucht, wo wir entsprechend gute Schweizer Nachwuchsathleten haben und dazu andere europäische Nachwuchsathleten eingeladen. 2011/2012 haben wir die reine Nachwuchsbeschränkung etwas aufgeweicht , so das auch etwas ältere Athletinnen und Athleten am Start sind. Die benachbarten Länder, wie z.B. Deutschland, schicken Ihre besten U 23 Athletinnen und Athleten. Die Zusammenarbeit mit dem DLV ist hier sehr gut. Insgesamt ist die Resonanz auf diesen Programmpunkt sehr positiv . Es freut uns auch immer sehr, wenn junge Athleten uns schreiben und sich bedanken für die Möglichkeit bei uns zu starten.

 

Neben der „Young Diamond’s League“ betreibt „Weltklasse Zürich“ Kooperationen mit dem Nachwuchsbereich des Leichtathletikverbandes von Jamaika, veranstaltet im Vorfeld des Meetings den „UBS Kids Cup“ und „Jugend trainiert mit Weltklasse Zürich“. Was sind die Hintergründe für die starke Einbeziehung des Nachwuchssports bei „Weltklasse Zürich“?

Ausrichter des Meetings ist der „Verein für Großveranstaltungen des LC Zürich“, der sich 1983 vom LC Zürich abgespalten hat. Zweck des Vereins ist die Förderung der Leichtathletik und eigentlich kein kommerzieller Anlass. Und dieser Grundgedanke spielt bis heute eine wesentliche Rolle bei allen, die „Weltklasse Zürich“ gestalten. Die heutige Sprecherin Susi Scherr und ich als Trainer haben 1981 begonnen mit diesen Programmen und haben Autogrammstunden eingeführt. Bei „Jugend trainiert mit Weltklasse Zürich“ trainieren jeweils vier Athleten mit 100 Kindern an acht Orten in der Schweiz, wo die Topathleten mit Helikoptern hingeflogen werden. Unter dem Motto „Weltklasse Zürich kommt zu Dir“ nehmen über 1000 Kinder (in Zürich sind es 250 Kinder mit 20 Athleten) an der Übungsstunde teil. Am „UBS Kids Cup“ nehmen übers Jahr hinweg ca 115000 Kinder teil und die besten qualifizieren sich für das Finale bei „Weltklasse Zürich“. Unser Tun wird dabei von zwei Grundsätzen getragen: Einmal vom Zweck des Vereins, die Leichtathletik zu fördern und zum anderen , das vor allem die Kinder, aber nicht nur, die Sportart in attraktiver Form erleben sollen.

 

Warum gibt es in der Schweiz im Verhältnis zu Deutschland so viele hochkarätige Leichtathletik-Meetings (Diamond’s League in Lausanne und Zürich, keines in Deutschland)?

Dies ist auf eine Einzelperson in der Schweiz zurückzuführen. Auf Andreas („Res“) Brugger. Er ist der Vater der kommerziellen Leichtathletik in der Schweiz und hat 1973 das Meeting „Weltklasse Zürich“ übernommen und es entwickelt. Dazu hat man mit dem „Athletissima“ in Lausanne ein weiteres Meeting in die Gänge gebracht. Mit dem Geld von Res Brugger und auch auf meine Initiative hin, hat man in der Schweiz in den 90ern so Startmöglichkeiten für unsere Athleten geschaffen. 2004 war dann der Schweizer Leichtathletikverband fast Konkurs. Damals bin ich zum Präsidenten gewählt worden und ich habe verschiedene Programme gestartet. Und wenn die Not am größten ist, stehen alle zusammen. Es gab hier einen unglaublichen Zusammenschluss von Meetingdirektoren, Trainern, Athleten, Verband und Sponsoren. Wir haben sowohl im Nachwuchsbereich als auch im Hochleistungsbereich zahlreiche Plattformen geschaffen und mit UBS einen Sponsor, der auch alle Bereiche fördert,von den 10 Jährigen bis zum Spitzenathleten. Ich glaube, wir haben hier in der Schweiz eine einmalige Kooperation aller Partner geschaffen.

 

Inwieweit schlägt sich diese Kooperation nieder?

Zum einen haben wir mit „Weltklasse Zürich“ und „Athletissima Lausanne“ zwei Diamond’s League Meetings und unter der Mithilfe meines jüngeren Bruders hat sich mit Bellinzona ein weiteres Meeting in der Schweiz sehr positiv entwickelt. Die 2008 eingeführten Lizenzen (In Deutschland Startpässe, die Red.) steigen von der U14, über die U16 bis zur U 18 in den letzten Jahren an. Gerade bei den jüngsten gab es noch nie so viele Lizenzinhaber wie 2013. Und 2014 hatten wir bei gleichen Normen die doppelte Anzahl an Startern bei den Europameisterschaften als 2012. Durch die enge Kooperation aller, von Sponsoren, Meetings, Nachwuchsbereich, Trainern und auch Athleten, die als Botschafter fungieren, erreichen wir viel. Auch eine sehr gute Medienpräsenz im Schweizer Fernsehen.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung der Leichtathletik in Europa und welchen Einfluss hat dies auf „Weltklasse Zürich“?
Ich denke, dass wir von den reinen Rekordjagden weggekommen sind, von der sinnlosen Tempohatz. Im Vordergrund steht wieder mehr der Kampf Frau gegen Frau und Mann gegen Mann. Aber die Athleten wollen auch schnelle Rennen. Das haben sie mir nach meinem ersten Meeting 2007 gesagt. Also sprechen wir heute mit mehreren Athleten eines Rennens, welches Tempo angesetzt werden soll. Overall ist wichtig, dass Athleten sich in der Pace wiederfinden. Dann sieht der Zuschauer spannende Rennen. Auch andere Meetings sind dem gefolgt. In Stockholm konnte man letzte Woche ein wunderbares 1500m Frauenrennen sehen.

 

Wie beurteilen Sie im Rückblick Ihren Vorstoß Athleten, die länger wegen Dopings gesperrt waren, nicht nach Zürich einzuladen? Hat sich dies aus Ihrer Sicht bewährt oder muss man gerade aus heutiger Sicht medial Kompromisse eingehen?

Hier muss ich grundsätzlich etwas klarstellen. Wir sind ein Verein und keine richterliche Instanz. Wir haben nicht die Aufgabe Athleten zweimal zu bestrafen. Wenn ein Athlet im Rahmen der Diamond’s League das Recht erworben hat zu starten, darf er starten. Ein Athlet, der im Diamond’s Race vorne liegt, muss im Finale starten, um zu gewinnen. Dieses Recht dürfen wir ihm nicht verwehren. Auch wenn wir ihn nicht einladen möchten. 2009 gab es in der Generalversammlung des Vereins auf mein Betreiben den Beschluss, dass man Athleten, die harte Dopingmittel genommen haben und im Zuge dessen mindestens eine zweijährige Sperre verbüßt haben, nicht eingeladen werden. Dies gilt bis heute. Athleten, die vom nationalen Verband nominiert werden, wie in den Staffeln oder in der Young Diamond’s League dürfen hier starten. Da werden wir uns in die Entscheidungsfindung nicht einmischen. Das ist nicht unsere Kompetenz. Allerdings wird ein Athlet, der die Regeln der sportlichen Fairness massiv verletzt hat, hinsichtlich Startgeld, etc sicher nicht das gleiche Entgegenkommen erwarten dürfen wie ein eingeladener Athlet. Im übrigen denke ich, dass man für hartes Doping eine vierjährige Sperre aussprechen sollte. Da würden sich viele Probleme nicht mehr stellen.

 

Bedarf die Leichtathletik einer Reform, um wieder in der Sportlandschaft attraktiver zu werden, wie sie Professor Helmut Digel nachdrücklich angemahnt hat?

Wissen Sie, das ist einer der Hauptgründe, warum ich dieses Jahr als CEO bei „Weltklasse Zürich“ aufhöre. Ich fühle mich etwas ausgebrannt. Mir fällt nichts mehr ein, wie man die gegenwärtige Leichtathletik in diesem Rahmen attraktiver präsentieren kann. In unserer heutigen Zeit bedeutet Stagnation Rückschritt. Ich denke, dass die Leichtathletik größere Reformen braucht als vielen Leuten lieb ist.

 

Vielen Dank Herr Magyar.