Stella Kubasch und Benedikt Huber wollen mehr als nur Mitläufer sein

Regensburg, 14. Dezember 2014 (Franzi Reng) - Stella Kubasch und Benedikt Huber tauchten bei den letzten Deutschen Meisterschaften  in den 800m Finals auf. Er wurde Sechster, sie Siebte. Sie nutzte das Temporennen der  neuen Meisterin Christina Hering für eine neue persönliche persönliche Bestleistung. Er musste sich in einem von Taktik geprägten Meisterschaftsgemetzel behaupten. Beide wollen nun mehr. Was sie überhaupt miteinander zu tun haben? - lesen Sie einfach jetzt selbst ...

 

Kubasch-portrait Kubaschfoto int(Utrecht, Niederlande) - Es ist früh am Morgen. Die meisten Leute schlafen noch tief und fest, der Tag hat für sie noch gar nicht begonnen. Eine junge Frau tritt hinaus auf die Straße und -  läuft los. Die meisten Leute halten in diesem Tempo wohl  kaum fünf Minuten durch, erst recht um diese Zeit. Für die Läuferin ist es ein ganz entspannter Start in den Tag. So entspannt, dass sie ihren Morgenlauf nicht einmal als richtiges „Training“ bezeichnet.  Die meisten Leute sind nach dem Sport dann erst einmal kaputt und müssen sich auf der Couch ausruhen, bevor es weitergehen kann. Für die Läuferin ist es das hier gerade einmal der Auftakt eines weiteren vollgepackten Tages. Die meisten Leute machen einen Job oder eine Ausbildung, das reicht komplett, damit sind sie schon gut beschäftigt. Unsere Läuferin hat gleich zwei Jobs, geht zur Uni und – das ist wiederum nicht schwer zu erkennen – ist eine Leistungssportlerin par excellence.

 

In der letzten Saison hat sie das auch fulminant unter Beweis gestellt. „Endlich“, meint sie, „nach drei Jahren, in denen nichts so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es mal wieder bergauf gegangen. Ich konnte endlich zeigen, was ich draufhabe.“ Sie ist überglücklich, wirkt absolut zufrieden, ihr buntes Leben, so wie es jetzt im Moment ist, passt ihr.

 

Aber ganz von vorne: Die Geschichte von Stella Kubasch beginnt in Lübeck. Das ist ihre Heimatstadt, in der sie mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen ist. „Man will ja immer das machen, was die großen Geschwister machen“, erzählt sie von früher, „so kam ich auch zur Leichtathletik und letztendlich zu Marcus“. Marcus Becker ist Stellas Heimtrainer vom Ratzeburger SV. Mit ihm feierte sie ihre ersten Erfolge in der Jugend.

 

KubaschGranz1 Kubaschfoto intAber schon bald kamen die ersten Rückschläge: „Ich hatte eine Zeit, in der bei mir einfach gar nichts vorwärts gegangen ist. Das war sehr schwer für mich, vor allem weil ich von einigen Leuten einfach fallen gelassen wurde.“ Man merkt ihr die Enttäuschung an, wenn sie so spricht. Letzten Endes haben sie all diese Erfahrungen nur noch stärker gemacht, trotzdem machen solche Erzählungen jeden Zuhörer stutzig, vielleicht auch ein bisschen wütend auf das Fördersystem in der deutschen Leichtathletik.

 

Stella hat damals nicht resigniert. Das würde auch ihrer fröhlichen und optimistischen Art widersprechen. Stattdessen ging es für sie nach dem Abi erst einmal für ein Jahr nach Kalifornien. So weit weg von zuhause war sie das erste Mal so richtig auf sich allein gestellt. Doch das war für sie überhaupt kein Problem, im Gegenteil: „Ich habe meinen jetzigen Freund kennengelernt und bin nach Amerika mit ihm zum Studieren in die Niederlande gegangen.“ Und dort sitzt sie nun vor ihrem kleinen Laptop, hat noch ein bisschen nasse Haare vom Duschen und skyped schnell mit ihren Eltern, bevor es weiter zur Uni geht. Danach vier Stunden arbeiten und dann steht das „richtige“ Training für heute an.

 

KubaschHeim2 Kiefnerfoto intStella ist immer in Bewegung, braucht Leute um sich herum, steht nicht still. Darum ist sie auch so eine bewundernswerte Sportlerin. Denn das meiste macht sie hier in Utrecht allein. Mit Marcus ist sie weiterhin in Kontakt, mit ihm bespricht sie ihr Training, er ist ihre Vertrauensperson und sicherlich mit dafür verantwortlich, dass ihr in der letzten Saison so vieles so gut gelungen ist. „Er hat immer an mich geglaubt, nicht wie viele andere“, meint Stella, „er wusste, dass ich es draufhabe“. Und so erfolgreich soll es auch am besten im neuen Jahr weitergehen. „Marcus und ich schauen sehr zuversichtlich auf die nächste Saison, wir haben da nämlich noch ein Ass im Ärmel…“

 

Szenenwechsel

 

Huber1 2014DM Kiefnerfoto int(Palling, tiefstes Oberbayern,  874 Kilometer südlich von Utrecht) - Es ist mittlerweile später am Nachmittag, draußen ist es kalt und windig, das Wetter zeigt sich heute nicht unbedingt von seiner angenehmsten Seite. Wer sich überhaupt um diese Jahreszeit vor die Tür wagt, ahnt wahrscheinlich kaum, dass der junge Sportler, der gerade vorbeiläuft, amtierender Hochschulmeister über 800m ist.

 

Sein Name ist Benedikt Huber und er ist schon längst kein unbeschriebenes Blatt mehr in der Leichtathletik-Szene: Spätestens mit seinen zahlreichen Erfolgen auf der Mittelstrecke in der letzten Saison hat er deutschlandweit auf sich aufmerksam gemacht.
Aber irgendwie stellt sich man solche Topathleten ja nur vor, wie sie im Stadion auf der Tartanbahn erbarmungslos um den Sieg kämpfen. Dann tragen sie Vereinstrikots, Spikes und nach dem Wettkampf lassen sie sich auf dem Podest bei der Siegerehrung mit Urkunden und Medaillen dekorieren.

 

Dass der Läufer-Alltag aber bei weitem nicht immer so heldenhaft aussieht, wissen die wenigsten. Trainiert wird immer, egal ob bei Regen oder Sonnenschein, und das sieben bis zehnmal die Woche. Benedikt, von den meisten einfach nur Bene genannt,  macht das Ganze ja auch unheimlich gerne. „Ich hab schon immer viel Sport gemacht“, meint er und beginnt alle möglichen Sportarten aufzuzählen, die er mit seinen 25 Jahren schon getrieben hat.

 

Letztendlich ist er dann doch bei der Leichtathletik und dort speziell im Mittelstreckenlauf hängengeblieben: „das kann ich einfach am besten“. Beim seinem Heimatverein, dem TSV Palling, arbeitet er mit seinen beiden Trainern Werner Oberauer und Rupp Rambichler zusammen. Das Gespann hat es innerhalb der letzten Jahre wirklich weit gebracht, vor allem wenn man bedenkt unter welchen Bedingungen: Palling ist nun wirklich kein Leichtathletik-Zentrum mit professionellen Bedingungen und hochleistungsorientierten Vereinsstrukturen.

 
Huber2 2014DM Kiefnerfoto intAber Bene denkt gar nicht daran, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben, nur weil es in der Region weit und breit niemanden gibt, der ihm nur ansatzweise das Wasser reichen könnte: „Ich will meine Bestzeiten noch weiter steigern, vielleicht auch mal auf das Podest bei Deutschen Meisterschaften“.

Das Zeug dazu hat er bestimmt, doch die ganze Sache hat einen Haken: „Meistens trainiere ich für mich, ab und zu habe ich noch eine Begleitung bei den Dauerläufen, aber wenn es zu überregionalen Wettkämpfen geht, muss ich immer allein herumreisen“.   Man hört sofort heraus, dass Bene innerhalb der kurzen Zeit als Top-Athlet auch bereits die unangenehmen Seiten des Leistungssports zu spüren bekommen hat: Wenig Zeit haben, hart arbeiten und dabei dann doch immer auf sich selbst gestellt sein. „Ins Trainingslager fahren wir normalerweise auch nicht“, fügt er hinzu, von ein paar Wochen mit Strand, Meer, einer Trainingsgruppe und perfekten Laufbedingungen kann er nur träumen.

 

Stattdessen also Palling. Ist ja auch nicht so schlimm, immerhin ist er hier zu Hause. Er hat sich hier alles so organisiert, dass alles für ihn so gut wie möglich passt. Für das Hallentraining hat er eine Gruppe, mit seinen Trainern klappt die Zusammenarbeit wunderbar und das was am Ende zählt stimmt ja auch: Die Leistung, der Erfolg.

 

So wie Bene und Stella gibt es mehr als nur eine Handvoll Athleten, die sich über die Zeit hinweg ein intaktes und effektives Netzwerk aufgebaut haben, das ihnen hilft, trotz ihrer Situation als „Einzelkämpfer“, das Beste aus sich herauszuholen.  Sie haben sich eine eigene kleine Welt geschaffen, in der sich der Leistungssport für sie realisieren lässt - und das fern von großen Leistungszentren.  Sie haben keine unterstützende Trainingsgruppe und keinen Betreuerstab im Rücken, der jederzeit bei Problemen für sie da ist.

 

Aber sie haben -  jeder auf seine Weise - einen Weg gefunden, der sie weiter bringt. Natürlich muss man auch einmal spontan sein, Trainingsprogramme umstellen, Termine absagen, Prioritäten setzen, doch allein die Tatsache, dass es Stella und Bene aus eigener Kraft schon so weit geschafft haben zeigt, welches Potenzial in ihnen steckt – nicht nur sportlich.  Da gehören andere Eigenschaften wie Disziplin oder Organisierungstalent genauso mit dazu wie die körperliche Fitness.  Und die beiden wollen mehr. Deshalb haben sie sich für das nächste Jahr trotzdem einen neuen Partner geholt: Mit einem Verein, der ihnen so manche „Last“ abnimmt, geht es doch um vieles einfacher.

 

Die Lösung ist blau

 

Die LG Telis Finanz will sich um ihre neuen Athleten kümmern, damit ihre Erfolgsgeschichten noch lange weitergehen, damit sie ihre Träume verwirklichen können – nicht nur auf der Laufbahn.
„Bei mir ist gar nicht so die Frage, was ich machen werde“, meint Stella, „ich finde überall etwas, das mir gefällt, woran ich Spaß habe. Ich bin vielmehr gespannt, wo es mich hinzieht. Da brauche ich natürlich auch jemand, der flexibel ist, jemand, den ich von überall aus erreichen kann.“ – Das erhofft sie sich von der LG als einen Club, der für viele Weltenbummler ein Stück Beständigkeit ist.

 

Natürlich sollen durch die neue Zusammenarbeit keine schon bestehenden Strukturen zerstört werden, die bisher schon gut funktioniert haben. Ganz im Gegenteil: „Mit Marcus bleibe ich nach wie vor in Kontakt. Niemand kennt mich so gut wie er und wenn’s mir mal schlecht geht, weiß er einfach am allerbesten, was zu tun ist“, meint Stella, „aber genau deshalb hat auch er mich erst dazu gebracht, bei der LG anzufragen, ob ich mit dabei sein darf. Wenn er der Meinung ist, das ist richtig so, vertraue ich ihm da“, meint sie zuversichtlich und fügt hinzu: „ich hatte von Beginn an selbst ein gutes Gefühl bei der Sache“.

 

Auch Bene schwärmt von der „tollen Gruppe“ und den vielen Athleten, mit denen es „viel mehr Spaß macht, auf Wettkämpfe zu fahren“ als immer nur allein. Letztes Jahr hat er die Gruppe der Regensburger beispielsweise schon mit nach Heusden begleitet. „Dort bin ich meine 800m Bestzeit gelaufen“, erzählt er, die Blauen scheinen ihm also auch noch Glück zu bringen - oder die Team-Atmosphäre hat ihn, der sonst immer nur alleine seine Runden zieht, ganz einfach beflügelt.


Mag sein, dass es von Palling bis nach Regensburg 162 Kilometer sind - Utrecht ist sogar ganze 727 Kilometer von der Domstadt entfernt -  in manchen Ansichten liegt man manchmal trotz langer Distanzen unerwartet nah beieinander.

 

Stella Kubasch

7. Deutsche Meisterin über 800m (2014)

5. Deutsche U23 Meisterin über 1500m (2014)

persönliche Bestleistungen

400m: 57,24sec (2014)

800m: 2:05,75min (2014)

1500m: 4:21,83min (2014)

 

Benedikt Huber

6. Deutscher Meister über 800m (2014)

Deutscher Hochschulmeister über 800m (2014)

persönliche Bestleistungen

400m: 48,20sec (2014)

800m: 1:47,20min (2014)

1500m: 3:50,80min (2013)