Die Leiden eines jungen Langstrecklers

PfliegerKollerUnterholzner12 DM14 VolkefotoRegensburg, 21. Januar 2015 (orv) - Fünf Sekunden sind keine große Zeitspanne. Man zählt bis fünf und schon sind sie vorbei. Fünf Sekunden sind im Sport bisweilen eine halbe Ewigkeit, manchmal kann schon eine Hundertstelsekunde zu viel sein. Im Leben des Langstreckenläufers Philipp Pflieger spielten im Europameisterschaftsjahr diese fünf Sekunden eine entscheidende Rolle, mit fatalen Folgen am Ende.

 

Die Geschichte braucht eigentlich einen langen Anlauf. Gut war er in die Saisonarbeit im Herbst 2013 gestartet. So gut, dass ein 14. Platz bei den Cross-Europameisterschaften in Belgrad heraussprang und er schon vorher bei der Ekiden-Staffel im japanischen Chiba über ein 10km-Teilstück überzeugen konnte. Einem Zwicken im Rücken nach der Cross-EM schenkte er weniger Beachtung. Ein Pflieger ohne Zwicken, dachte er sich, wäre fast unnormal, weil beim jungen Schwaben fast immer etwas zwickt. Es wird schon wieder weggehen. Qualvolle Wochen zwischen „geht schon – geht nicht“ folgten einschließlich eines Trainingslagers im spanischen Chiclana. Physios waren dran und auch Ärzte. Jeder wusste was anderes. Am Ende brachte eine MRT-Untersuchung die Wahrheit ans Licht. Es war erneut eine bittere: Stressfraktur im Sakrum, besser bekannt unter dem deutschen Namen Kreuzbein. Sechs Wochen Nichtstun, Wasserstrampeln und öde Athletik folgten. Für den schon oft arg gebeutelten Läufer Pflieger nichts Neues. Er kennt jenes frustrierende Gefühl, wenn die Träume schwinden, all zu gut.

 

Die Europameisterschaften in Zürich waren so ein Traum. Wenn man aber bis Anfang April nur alternativ trainieren kann und dann die ersten Schritte wieder wie ein Anfänger macht, ist dieser Traum plötzlich so weit weg wie die Erde vom Mond. Zugleich lief der Qualifikationszeitraum des Deutschen Leichtathletik-Verbandes für das 10.000m EM-Rennen bereits am 4. Juni ab, weil exakt an diesem Tag das Europacuprennen in einer Stadt in Mazedonien stattfinden sollte. Dass dies keine gute Gelegenheit war, die geforderten 28:35 zu laufen, wusste das System Pflieger schon vom Vorjahr. Damals war an einem brutheißen Nachmittag für ihn auch nur eine grottenschlechte 29:30 bei grottenschlechten Bedingungen möglich.

 

Eine der herausragenden Eigenschaften des Menschen Pflieger ist sein Optimismus. Via Facebook erfährt er Anfang Mai, dass die Holländer ähnliche Qualifikationsprobleme haben, deshalb in der Nähe von Amsterdam einen schnellen 10er organisieren. Der DLV genehmigt indessen die Verlängerung des Quali-Zeitraums bis 14. Juni, dem Tag im holländischen Leiden. Wie man trainingstechnisch von Null auf 28:35 innerhalb fünf Wochen kommen sollte, wussten Athlet und Trainer eigentlich nicht. Sie fingen einfach an, immer das Ziel vor Augen, mit anfangs miserablen Werten, Muskelkater, Zipperleins an den unmöglichsten Stellen des geschundenen Körpers.

 

Dann der Tag aller Tage in dieser Saison 2014. Es war keineswegs kühl, es war windig im holländischen Leiden. Alles andere war gut, vor allem die Einstellung des Langstreckenläufers Philipp Pflieger. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Und der Weg ging über steinige 25 Runden, immer die 28:35 vor Augen. Das Läuferfeld funktionierte, blieb stets am Rande der Qualifikationszeit, aber eben im machbaren Rande. Der Regensburger lief ein unglaubliches Rennen. Einen winzigen Augenblick passte er dennoch nicht auf, als bei zirka 7000 Metern der holländische EM-Aspirant mit Hilfe seines Tempomachers ein paar Schritte enteilte, am Ende hauchdünn unter den 28:35 blieb. Dem Telis-Läufer fehlten im Ziel 5,21 Sekunden. Vierter war er geworden und deutlich besser als die internationale Norm des europäischen Verbandes EAA.

 

Es gibt im Deutschen Leichtathletik-Verband kluge Köpfe, die schon im Vorfeld die erwartete Endkampfchance oder den Platz unter den besten Acht vorausberechnen können. Sie behaupten das zumindest. Wenn dann beim internationalen Event etwas anderes eintrifft, behaupten sie, das wäre nicht vorhersehbar gewesen. Die 28:40 erschien ihnen für ihre Ansprüche zu wenig. Sie verordneten dem Läufer Pflieger einen Leistungsnachweis. Der war nichts anderes, als die deutsche EM-Norm über 5000m zu laufen. Das muss man nicht verstehen und ist so auch schwer erklärbar, zumal mit Pfliegers Vorgeschichte.

 

Doch daran zerbrach Pfliegers Psyche nicht. Im belgischen Heusden war er stets schnell gelaufen, zumal die Konkurrenz dort überragend ist und das Rennen bereits nach Sonnenuntergang stattfindet. Ein kühler Sommerabend, das wär’s gewesen. Dafür herrschten an diesem 19. Juli tropische Bedingungen. Beim Start waren es 29 Grad und eine fast hundertprozentige Luftfeuchtigkeit. „Mission impossible“ nennt man so etwas. Philipp Pflieger lief eine 13:46 und wurde nach dem Rennen mit zehn weiteren Konkurrenten auch noch nachträglich disqualifiziert. Keiner erfuhr je, warum. Der DLV baute ihm dann via Bundestrainer Wolfgang Heinig erneut einen Steg, der so brüchig war wie ein dünnes Blatt Papier. Eine Woche später sollte er bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm eine Zeit unter 13:40 anbieten. So etwas war bei den Meisterschaften im Stadion aber schon seit Baumanns Zeiten nicht mehr passiert und der war immerhin Olympiasieger. Eher springt wohl ein Kamel durch’s Nadelöhr.

 

Der Mensch Pflieger war wohl zum diesem Zeitpunkt der Deutschen Meisterschaften mental bereits ausgebrannt. Verletzungen, Normenjagd und Verbandshilfeleistungen, die ehrlich betrachtet eher Hinderung als Hilfe waren, nagten am Sportler mehr, als er wahr haben wollte. Seine gesamten Teamkollegen spannten sich vor ihn, so gut sie eben konnten. Allein für eine 13:40 reichten ihre tatsächlichen Fähigkeiten bei weitem nicht aus. Die Bronzemedaille war nur ein schwacher Trost. Bereits zu diesem Zeitpunkt wäre der Start in Zürich ein Desaster geworden. Die ewig verordnete Leistungsnachweisjagd hatte den Läufer Pflieger restlos ausgesaugt.

 

In Zürich fand dann bei guten Laufbedingungen ein 10.000m Lauf statt, der alle Berechnungen am grünen Tisch widerlegten. In einem völlig normalen, für die Plätze ab Platz acht absolut gleichmäßigen Rennen erzielte der Achte 28:49,99min. Für Philipp Pflieger wäre dies keine Unmöglichkeit gewesen. Zumal dann, wenn man ihm nach Leiden Sicherheit und eine ruhige zweite Vorbereitungsphase gelassen hätte. Platz vier bis acht, auf die der DLV mangels Medaillen dann so stolz war, ein Traum für den Regensburger, auch wenn es nur der achte Platz gewesen wäre. Ganz sicher würde er dann noch die monatlichen zweihundert Euro der Sporthilfe bekommen, vielleicht auch noch den Ausrüstervertrag haben. Beide wären zum Überleben des Sportlers wichtig.

 

Andere hatten mehr Glück. Betrachtet man den Weg der Marathondamen nach Zürich, darf dieses Wort durchaus herhalten. Zwei Damen mit A-Norm und zwei mit der B-Norm waren vom DLV gefordert. Das Team, sofern es denn je eins war, profitierte vom langen Qualifikationszeitraum, der bis in den Herbst 2013 reichte. Sabrina Mockenhaupt und Eleni Gebrehiwott lieferten im Herbst die A-Norm ab. Anna Hahner auch, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Schon lange vor den Europameisterschaften wusste man, dass Mockenhaupt eigentlich die 10.000m laufen wollte, die beiden anderen entweder aus Verletzungsgründen nicht konnten oder aus grundsätzlichen Gründen nicht wollten. Am Ende blieben zwei Norm-Kratzer der B-Norm in Zürich übrig. Hauptsache, die Nominierungsrichtlinien wurden eingehalten. Wie dünn das Eis ist, zeigt ein Beispiel der neuesten Zeit. Wer kann eigentlich plausibel erklären, worin der Unterschied einer IAAF-Norm von 15:20 und einer DLV-WM-Norm von 15:19 über 5.000m der Frauen liegt?