Innenminister Dr. Thomas de Maizière mit harscher Kritik am deutschen Sport

Regensburg, 16. Februar 2015 (Ring) - "Wir stehen am Scheideweg. Entweder gehen wir allmählich immer mehr ins Mittelmaß mit sinkender Tendenz, verdeckt durch einige herausragende Einzelsportler oder wir finden den Weg zurück in die Spitzengruppe der großen Nationen der Welt, wo wir als Spitzensportnation hingehören", sagt Deutschlands Innenminister Dr. Thomas de Maizière und übt damit harsche Kritik am deutschen Spitzensport. Er weist auf die mangelhafte olympische Bilanz im Allgemeinen und auf das schlechte Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft in Sotschi hin.

 

Ja, wo sollen sie denn alle herkommen, die Weltstars deutscher Nation von morgen, die die Welt aus den Angeln heben. Deutschland ist schon lange kein Land mehr, das seine sportliche Basis im Schulsport finden kann. Abgesehen mal davon, dass die Oberherrschaft über jenen 16 (in Worten sechzehn) Kultusministerien der einzelnen Bundesländer haben, die jenen, eben den Schulsport, fein nach ihrem speziellen Gusto definieren, zudem fehlende Qualität im geistigen Bereich ihres Schülerpotentials – laut Pisa-Studie dümpelt das reiche Wirtschaftsland weltweit im Mittelmaß herum – durch übermäßige Betriebsamkeit in der allgemeinen wöchentlichen Stundenbelegung ausgleichen wollen. So etwa nach der Devise: Wer viel übt, muss auch intelligent sein. So müssen denn16/17jährige Gymnasiasten derzeit schon fast 40 Wochenstunden absitzen und die Hausaufgaben kommen noch dazu. Für Leistungssport bleibt in der Regel dann nur noch wenig Zeit, eigentlich gar keine mehr.

 

Früher mal konnten Studenten Leistungssport mit einer kleinen Streckung ihrer Studienzeit blendend verknüpfen. Heutzutage machen Platznot an den Universitäten und Regelstudienzeit in einem straffen Bachelorsystem gemeinsames Vereinstraining an den ganz normalen Abenden einer ganz normalen Woche zum Drahtseilakt, weil betroffene Sportler für die immer weniger werdenden ehrenamtlichen Übungsleiter, meist selber untertags berufstätig, eben nur sporadisch zur Verfügung stehen. Die Symbiose Ausbildung und Sport wird dann unmöglich, wenn sich die körperliche Ertüchtigung zum Leistungssport entwickelt und zum Talent eben auch  zumindest einmaliges Training pro Tag hinzukommen soll. Der Hinweis auf sportbetonte Gymnasien oder Eliteschulen des Sports ist hier fast ein nichtiger, weil Talente eben mal dort geboren werden, wo sie zufällig auf die Welt kommen und jene sportfördernde Schulspezies noch immer so selten ist wie wertvolle Trüffeln.

 

Die einmal gute Zusammenarbeit von Vereinen und Schulen über den differenzierten Sportunterricht hat man schon vor Jahrzehnten beendet und damit dem eigentlichen Potential an ausgebildeter Trainerkompetenz, resultierend aus den ehrenamtlich tätigen Pädagogen der Schulen, den Garaus gemacht. Zudem meinte man, man müsse seine Sportlehrer in Zukunft auf Fun-Sportarten ausrichten und stellte somit auch deren Ausbildung immer mehr in diese Richtung ab. Wer hier nach Großbritannien schaut oder gar in die USA, deren professionell aufgebauter Collegesport uns derzeit viele Talente abwirbt, mag vor Neid erblassen.

 

Die soziale Absicherung unserer Topathleten läuft in den meisten Fällen noch immer fast ausschließlich  über das Militär und die Polizei, einer Reminiszenz aus vergangenen Tagen. Viele jener Sportfördersoldaten wollen doch nicht im Ernst beruflich Deutschland mit der Waffe im Kosovo oder in Afghanistan vertreten. Für viele Leistungssportler ist das aber eben keine plausible Option mehr. Warum also dieser im Grunde unehrliche Umweg? Sportfördergruppen direkt über den Bund gesteuert wären da die direktere und am Ende wohl auch billigere Lösung.

 

Das sind nur einige der grundlegenden Probleme, die derzeit deutschen Spitzensport sukzessive aushungern lassen. Und, es sind keine Probleme, die die Sportverbände lösen könnten. Es sind letztendlich Probleme, die der Staat als Vertreter der Gesellschaft, zu lösen hat, wenn er denn nachhaltigen Spitzensport will. Unabhängig von zukünftigen Wunschvorstellungen zukünftiger Olympischer Spiele auf deutschem Boden, unabhängig von Förderungen und unabhängig vom Prestigewert des Hochleistungssports auch für unsere politischen Vertreter. Also Herr Minister, in diesem Sinne möchten wir Sie als Vertreter der vielen Leistungssportler, die in Deutschland nicht gerade für ihr Tun Schlaraffia vorfinden, anmahnen, auch „ihre“ Hausaufgaben zu machen. Ob es dann für 2024 doch noch reicht für die Weltspitze auf breiter Front, bleibt abzuwarten.