Die deutsche Leichtathletik beginnt auszuwandern

Regensburg, 18. April 2015 (Ring) – Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns keine Erfolgsmeldungen aus den USA erreichen. Erfolgsmeldungen von deutschen Athleten wohl gemerkt. Hierzulande ist die Saison bis auf den Lauf noch gar nicht in die Gänge gekommen, in Amerika jagt indessen ein Event das andere. Schuld daran ist ein bestens organisiertes Wettkampfsystem der US-Universitäten, die sich immer mehr Leichtathleten aus Deutschland in ihre Teams holen und dafür viel Geld bei bester Betreuung ausgeben. Es handelt sich dabei kaum um welche, die zu den Stützen der Nationalmannschaft zählen. Es ist die zweite Reihe, die von Scholarbook, einer findigen Firma des deutschen Läufers Simon Stützel, in die Staaten vermittelt werden und zusehends die guten Rahmenbedingungen in teilweise eklatante Leistungssteigerungen umsetzen.

 

Auch Teile der deutschen Nationalmannschaft haben inzwischen die USA als lohnendes Terrain für die Vorsaison auserkoren. Die Sprinter jagen in der warmen Frühlingsluft des amerikanischen Südens die ersten WM-Normen, die Mittel- und Langstreckler zieht es ins Höhentrainingslager nach Flagstaff, um anschließend bei gut organisierten Rennen ebenso erste Meriten einzusammeln. Der Teamleiter des deutschen Laufs gibt seinen Athleten den Rat, die in Europa inzwischen schwierig gewordenen Langstreckenrennen ad acta zu legen, über den großen Teich nach Stanford zu jetten, um dann im großen Feld der internationalen Konkurrenz zur Bestzeit zu laufen.

 

Im selben Atemzug erklärt er jene, die ihren amerikanischen Traum in einer US-College-Mannschaft leben, zu Aussteigern aus dem nationalen Fördersystem, Transfers vom anderen Kontinent zu den Highlights des alten Kontinents fast ausgeschlossen. Zumindest in den meisten Fällen nicht als organisiert geplant. Viele versuchen es dann doch beim Heimurlaub ab Mitte Juni und einer anstrengenden, saisonal ganz anders geplanten Collegesaison, in der Sommersaison in Deutschland. Mit wenig Erfolg beizeiten, weil sich auf eine anstrengende erste Saison mit den „Nationals“ am Ende nicht einfach eine zweite mit den Deutschen Meisterschaften Ende Juli so einfach anschließen lässt.

 

Hat also Wolfgang Heinig recht, wenn er jene mit dem „american dream“ zu den Verlierern im deutschen System zählt? Mag sein, dass er für wenige Tops die Rahmenbedingungen für mehrere Höhenketten und dem Aufenthalt jenseits des großen Teichs finanzieren und organisieren kann. Mag aber auch sein, dass der Rest jener jungen Subschicht von Talenten, die nach dem Abitur nicht den Harakirischritt zum Vollprofi wagen, im Überlebenskampf des auf Leistungssport keine Rücksicht nehmenden universitären Alltags hierzulande immer mehr zerschellen und mit ihm immer mehr die nationale Wettkampf- und Meetingstruktur.

 

So ist denn der derzeitige Weg der deutschen Leichtathletik im Allgemeinen und des deutschen Laufs im Speziellen ein ganz gefährlicher. So vordergründig verständlich die Gier nach Medaillen beim nächsten internationalen Event sein mag und jeder Bundestrainer quasi von der Hand in den Mund lebt, so gefährlich veröden im Hintergrund die leichtathletischen Basen in Deutschland. Kein Konzept zu Synergien der Sportart weder mit der Industrie noch mit den Universitäten oder den Schulen ist zu erkennen, man verlässt sich auf Althergebrachtes wie Bundeswehr und sonstige staatliche Einrichtungen. Wenn das nicht mal nachhaltig, wenn auch schleppend wahrnehmbar auf Grund des langsamen Degenerationsprozesses, gründlich in die Hosen geht.