Franzi Reng nimmt den Regensburger Querdenker ins "Gebet"

Ring1 3000m-challenge15 KiefnerfotoRegensburg, 22. Mai 2015 (Franzi Reng) - „Es gibt kaum Interviews mit Kurt Ring“. Die meisten denen ich diesen Satz sage, schauen mich ein bisschen verwundert an: Überall da, wo in Regensburg und oft auch darüber hinaus das Wort „Leichtathletik“ auftaucht, ist auch sein Name dabei - ob nun gerade erwünscht oder auch nicht. Deshalb habe ich gleich mal gegoogelt: Kurt Ring Interview. Sofort spuckt mir die Suchmaschine zig Artikel über den umtriebigen Cheftrainer der LG Telis Finanz aus, oder solche, die er selbst geschrieben hat.  Aber gerade mal ein einziges „Gespräch“ kann ich finden: Ein Exklusiv-Interview der Website Laufzeit & CONDITION vom vergangenen Herbst.

 


Woher kommt also diese allgemeine Überzeugung, schon alles über Kurt Ring zu wissen? Das liegt bestimmt nicht zuletzt am selbstsicheren Auftreten und unstillbaren Sendungsbedürfnis des erfahrenen Trainers. Es gibt nichts, zumindest nichts, was in der Lauf-Welt von Belang wäre, zu dem er noch nichts gesagt hätte – oftmals mit einer durchaus kritischen Sicht auf die Dinge. Dass man dafür nicht nur Lob und Zustimmung erntet, ist die Kehrseite der Medaille. Doch hinter all den Meinungen bleibt die Person „Kurt Ring“ oftmals verborgen. Deswegen sitze ich heute an einem sonnigen Mittwochabend mit ihm an einem Tisch, so richtig face to face, um mit ihm mal ein bisschen Klartext zu reden. Ich erhoffe mir offene Antworten, ungeschönt und ehrlich – so wie man es von ihm gewohnt ist.

 

Hallo Kurt. Die Leute sagen oft über dich, dass du „polarisierst“. Was meinen sie damit? Wie kommen sie darauf?

 

Das liegt wohl daran, dass ich eine Person in der Leichtathletik bin, die nicht immer nur freundlich auftritt,  um zu gefallen, sondern primär ihre Ziele verfolgt. Und diese Ziele orientieren sich nun mal an der Sache und nicht an der Freundlichkeit. Da kann es schon mal sein, dass man aneckt.

 

Dieses „Anecken“ sorgt ja mitunter dafür, dass nicht nur mit dir, sondern auch viel über dich gesprochen wird. Dabei bekommst du häufig mehr oder weniger treffende Beinamen wie „Trainerfuchs“, „Macher“, „Grantlhuber“ oder Ähnliches verpasst. Was hältst du davon?

 

Wenig. Man muss immer in viele Rollen schlüpfen und das können auch mal unangenehme Rollen sein. Aber es ist mir grundsätzlich nicht wichtig, immer bei allen gut dazustehen. Es ist mir wichtig, der Sache zu dienen, der Leichtathletik. Dafür braucht es keine Beinamen, auch keine Titel, die braucht nur die Öffentlichkeit. Ich bin Kurt Ring und so kennt man mich mittlerweile auch. Das reicht.


Und wenn man dich als „Größe der Leichtathletik“ bezeichnen würde. Würdest du da widersprechen?

 

Ob ich eine Größe in der Leichtathletik bin, müssen andere entscheiden. Bei Olympischen Spielen bin auch ich ein Kleiner, auf regionalen Ebenen sieht es da vielleicht anders aus.

 

Aber was gehört dann dazu, eine „Größe“ im Sport zu werden?

 

Da braucht es viele Dinge: Für Erfolg muss man wie ein Hai sein, der hinter seiner Beute her ist. Man muss aber auch bestimmte Dinge konsequent umsetzen. Sätze wie „das geht nicht“, sind inakzeptabel. Warum soll etwas denn nicht funktionieren? Warum nicht einfach machen? Mit dieser Devise war ich bisher immer erfolgreich. Nur die meisten Menschen sind zu Veränderungen gar nicht erst bereit. Veränderungen sind nämlich unwägbar und damit unbequem.

 

Und wirst du niemals bequem? Nicht mal im Alter?

 

Ich bin ja nicht alt. Ich fühle mich vielleicht manchmal alt neben meinen jungen Athleten, die körperlich noch so viele Möglichkeiten haben, die ich nicht mehr besitze. Aber sie Arbeit mit ihnen hält einen ja im Kopf absolut jung. Man kommt ständig auf neue Ideen und hat gar keine Zeit zum alt sein.

 

Und wann ist man dann zu alt für die Leichtathletik?

 

Wenn man keine Ziele mehr hat und keine Ideen, wenn man umfällt und tot ist.

 

Aber muss man sie nicht auch irgendwann mal sein lassen? Könntest Du Dich niemals von der Leichtathletik trennen?

 

Nein, weil sie meine Leidenschaft ist. Der liebe Gott hat mir ausgerechnet hier Talente mitgegeben. Ich habe wohl die Begabung, mein Wissen hier zu vermitteln und mit den Sportlern zu arbeiten. So habe ich es ja doch schon recht weit gebracht, aber ich will noch weiter kommen. Ich bin von Natur aus ein Mensch, der immer mehr will und sich nicht einfach mit etwas zufrieden gibt.

 

Lässt du dir dann überhaupt von irgendjemand noch etwas sagen?

 

Immer. Jeden Tag. Ständig, auch wenn mein Ego oft nicht gleich zulässt, dass ich es zugebe. Man lernt ja nie aus! Es genügt nicht, die Dinge aus dem eigenen Blickwinkel zu betrachten. Es gibt immer ein Für und ein Wider. Und ohne andere Perspektiven, zum Beispiel auch bei Trainingsinhalten, kann sich irgendwann nichts mehr weiterentwickeln.

 

Und wo musst du dich weiterentwickeln? Was kannst du gar nicht?

 

Orth-Kock-Harrer-Ring1 Watter-Meeting15 BruesselfotoGymnastik zum Beispiel. Das ist eine meiner Schwachstellen, und die vernachlässigt man dann auch gerne bei seinen Athleten. Natürlich neigt man schnell dazu, mit den Athleten vorwiegend das zu trainieren, worin man sich besonders sicher fühlt. Ein guter Trainer muss sich aber auch seiner Schwächen bewusst sein und dafür Sorge tragen, dass die Sportler in diesem Bereich trotzdem ausreichend gefordert werden. Mir gelingt das zum Beispiel in Zusammenarbeit mit anderen Coaches, die diese Bereiche für mich übernehmen. Dadurch entsteht noch ein anderer positiver Effekt: Die Athleten werden von einem Netzwerk aus vielen verschiedenen Personen betreut und nicht nur von einer Einzelnen. Richtig koordiniert schafft das mehr Abwechslung und geballte Kompetenz.

 

Apropos Kompetenz, kurze Wissensfrage: Was ist am 5. bis 22. August im nächsten Jahr?

 

Ich vermute das wird der Zeitpunkt für die Olympischen Spiele in Rio sein…

 

Richtig. Und was macht Kurt Ring vom 5. bis 22. August im nächsten Jahr?

 

Vermutlich ist er da in Rio, weil seine Frau will, dass wir dort sind, wo vielleicht unsere Athleten sind.  Es gibt nur einen Haken an der Sache: Kurt Ring war ja auch schon bei Weltmeisterschaften in Moskau, um seinen Athleten von der Tribüne aus zuzusehen – nur hat es dann niemand dorthin geschafft. Das war ein bisschen schade, ich bin deshalb ein wenig zögerlich mit der Reise nach Rio. Ich bin eher jemand der am liebsten „just in time“ bucht, aber das wird dann kaum noch möglich sein. Es muss ja nicht jedesmal ein schlechtes Omen sein, wenn der Trainer vor der Nominierung schon bucht.

 

Im Allgemeinen denkst Du aber trotzdem doch schon viele Jahre im Voraus, oder?

 

Auf jeden Fall. Immer so drei bis vier Jahre.

 

Wie geht das? Muss man die Athleten dafür nicht in und auswendig kennen?

 

Natürlich. Ich habe ihre „Profile“ im Kopf, ihre Lebensgänge, was sie alles so tun. Da geht es um Schule, Ausbildung, Privatleben und selbstverständlich gewisse Unwägbarkeiten. Es muss zum Schluss alles optimal zusammenpassen – und wo das nicht der Fall ist, muss man helfen, ihnen "dienlich" sein.

 

Denkst Du dann, dass Du alles über Deine Sportler weißt?

 

Niemals. Aber ich kann mich sehr gut in sie hineindenken. Man muss seine Athleten vor allem verstehen können. Und wer sie liebt, versteht sie auch. Das ist das mit Abstand Wichtigste. Denn dann erkennt man auch, wenn es ihnen einmal nicht gut geht, ohne dass sie es explizit aussprechen.

 

Woran erkennst Du das?

 

In der täglichen Zusammenarbeit. Leistungssport ist ein „Drahtseilakt“ und da braucht es ein starkes Vertrauen zwischen Trainer und Athlet – wie wenn man die Eiger-Nordwand besteigen möchte. Das muss sich auch jeder junge Trainer vor Augen führen: Er muss Hingabe zeigen und ganz für die Athleten da sein. Wer dazu nicht bereit ist, soll es lassen. Wer zur Hochsaison in den Karibik-Urlaub fahren will, darf von mir aus Übungsleiter sein. Aber mit Trainersein hat das dann nichts mehr zu tun.

 

Aber es gibt ja nicht nur für Trainer, sondern auch für die Athleten bestimmte No-Gos. Welches Verhalten duldest Du nicht?

 

Wenn sie unkonzentriert sind. Sie müssen ständig planen und ihr Leben straff organisieren. Auf kurze und auf lange Sicht. Wer da ungeordnet in den Tag hineinlebt, verhält sich unprofessionell. Es muss alles eine Einheit ergeben, Struktur haben. Der Athlet muss wissen, wann was ist: Training, Trainingslager, Wettkämpfe, Höhepunkte. Ein Leistungssportler hat im Prinzip wenige Dinge, die Primär-Status haben: Höchstens Ausbildung und Lebensgemeinschaft geht da vor dem Leistungssport. Ich muss aber auch sagen, dass ich in dieser Hinsicht bisher anscheinend immer die richtigen Sportler erwischt habe: Ich bin stolz, wie gewissenhaft sie diese Forderung zumindest meistens umsetzen.

 

Du sprachst gerade von Unprofessionalität. Was unterscheidet denn dann einen Amateur von einem Profi?

 

Ein Profi setzt seine Prioritäten immer genau richtig. Er gibt den Dingen den richtigen Primär- oder eben Sekundär-Rahmen. Das hat dann gar nichts damit zu tun, ob er mit seinem Sport viel, wenig oder gar kein Geld verdient. Das ist eine Sache der Einstellung.

 

Wie siehst Du hierbei die Situation in der Regensburger Sportszene? Gibt es hier eine professionelle Einstellung in der Leichtathletik?

 

Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen unglücklich, wie die Sache hier verläuft. Am professionellsten wäre es, wenn einfach alle an einem Strang ziehen würden. Aber dazu ist man irgendwie nicht bereit. Es existieren in der Regensburger Leichtathletik so viele verschiedene Segmente und es gibt so viele Eigenbrötler. Dabei hat sich bei unserer Leichtathletik Gemeinschaft - ein Zusammenschluss von mehreren Vereinen -  doch sehr schnell gezeigt, dass dieses Konzept, viele Einzelgruppen zusammenzufassen, äußert effektiv ist. Warum soll das nicht auch im Großen funktionieren? Jeder hat seine eigene Stärke auf einem Gebiet. Diese Stärken muss man bündeln und zu einer großen Stärke zusammenfassen. So kann man alle Interessen bündeln und gemeinsame Ziele verfolgen. Das beschäftigt mich schon lange.

 

Und was beschäftigt Dich jetzt gerade? In diesem Moment?

 

Immer der nächste Start, die nächste Veranstaltung. Ich stelle mir immer die Frage: Wie kann ich „meine Lieblinge“ im Training am besten und genau richtig „reizen“, damit sie auf den Punkt fit sind. Diese Reize dürfen nicht zu schwach ausfallen, sonst machen wir ja nur Beschäftigungstherapie. Aber wehe sie sind zu stark. Das hat noch fatalere Folgen. Es geht darum, die richtige Balance zu finden, womit wir wieder beim „Drahtseilakt“ Leistungssport wären. Man will seine Ziele natürlich möglichst schnell erreichen, aber im Endeffekt steht immer der angepeilte Höherpunkt und nicht die Zeit, die dazu hinführt, im Vordergrund. Das muss man sich immer vergegenwärtigen. Denn stürzt mir einer der Athletenvor dem großen Ziel  von seinem Drahtseil, bin ich in erster Linie nicht ihm, sondern mir selbst böse, weil die Planung aus welchen Gründen auch immer nicht funktioniert hat.

 

Rauben dir solche „Gefahren“ für die Athleten nicht den Schlaf? Kann man da überhaupt zur Ruhe kommen?

 

Selbstverständlich. Wenn jemand verletzt ist, grüble ich oft bis in die Nacht. Hättest du das durch anderes Trainig vielleicht vermeiden können? Aber zum Glück gibt es auch solche Tage, an denen es vorwärts geht: Es läuft im Training und die Gruppe ist gut drauf. Dann hab ich einen sehr angenehmen Schlaf.

 

Und wie schläfst Du zur Zeit?

 

Sehr gut.

 

Und von was träumst Du?

 

Von niemanden und allen. Zumindest nichts, was erinnernswert wäre.

 

Kurt Ring mag vielleicht kein guter Träumer sein. Er ist eben eher ein Macher. Einer, der sich nicht lange mit Wunschdenken aufhält, sondern die Dinge anpackt. Wie ihm das in diesem Jahr gelingen wird, soll sich schon bald zeigen. Es wird sicherlich wieder einige Höhen aber auch Tiefen geben und er wird sich sicherlich nicht bedeckt halten, wenn es mal wieder „brodelt“. Die Leichtathletik kann sich auf ein weiteres Jahr mit Kurt Ring freuen, der noch ganz und gar nicht müde ist.