Die Ehrlichen sind immer die Dummen

Harrer London 15Regensburg, 24. August 2015 (Ring) – Die Geschichte beginnt bei Jakaterina Kostetskaya, einer hübschen Russin, die bei den Olympischen Spielen 2012 im 1500m Finale Neunte wird. Die trifft dort in London den australischen Stabhochspringer Steven Hooker, der bei den Olympischen Spielen davor Gold geholt hatte. Beide werden ein Paar, heiraten noch im selben Jahr und haben inzwischen einen Sohn bekommen. Inzwischen lebt die kleine Familie im australischen Melbourne. Was sich beim ersten Anblick wie eine sportliche Lovestory anhört, ist mag im Privatleben der beiden sicher auch eine sein. Im sportlichen Bereich fällt am 28. Juli 2014 ein Schatten auf die bisher blütenweiße Weste der Jakaterina Kostetskaya. Die IAAF sperrt sie zwei Jahre bis zum 20. Januar 2015 wegen Unregelmäßigkeiten in ihrem Blutprofil, die eindeutig auf den Einsatz von Dopingmitteln hinweisen und erkennt ihr alle Ergebnisse einschließlich der Weltmeisterschaften 2011, wo sie über 800m Fünfte geworden war, ab. In ihrer sportlichen Vita stehen ab da an bei den Weltmeisterschaften 2011 und den Olympischen Spielen 2012 die drei hässlichen Buchstaben DSQ für disqualifiziert.

Das Ganze setzt sich im August 2015 fort. Die Athletin Aslı Çakır Alptekin wird wegen Doping vom internationalen Sportgerichtshof CAS gesperrt. Die türkische Läuferin wurde 2004 bereits bei einer Dopingkontrolle positiv auf Metenolon getestet und wegen dieses Verstoßes gegen die Dopingbestimmungen für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen. Danach kommt sie 2012 kometenhaft zurück, gewinnt über 1500m sowohl die Europameisterschaften als auch die Olympischen Spiele. Beides ist inzwischen Makulatur. Rückwirkend wurden ihr beide Titel aberkannt. Die Leichtigkeit des Laufens, hinten raus, wenn‘s dem Ziel entgegen geht, wo es für alle Athletinnen sehr schwer wird, war keine biologische, sondern eben chemisch manipuliert.

Und weil das noch nicht genug wäre für ein Olympisches Finale über 1500m, muss darauf hingewiesen werden, dass auch die Vierte des Endlaufs Tatjana Tomaschowa einiges auf dem Kerbholz hatte. Die Russin, Weltmeisterin 2003 und 2005 über diese Strecke, fällt wegen Doping eine Woche vor den Olympischen Spielen 2008 auf. Sie wurde wegen eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Richtlinien damals vorläufig von der IAAF für die Spiele gesperrt. Ihr und sechs weiteren russischen Athletinnen wurde aufgrund von DNA-Analysen vorgeworfen, bei Dopingtests in betrügerischer Absicht Urin anderer Personen abgeliefert zu haben. Als Sanktion wurde schließlich eine Sperre von 33 Monaten verhängt; außerdem wurden sämtliche Resultate seit dem 23. Mai 2007 annulliert. 2012 war sie dann wieder startberechtigt.

Drei von 12 Finalistinnen, das macht 25 Prozent Dopingbesudelte in einer Disziplin die nicht unbedingt zu jenen gehört, die massiv mit Dopingskandalen auffällt. Im schroffen Gegensatz dazu steht die Aussage des scheidenden IAAF-Präsidenten Lamine Diack, der immer noch 99 Prozent der bei Weltevents auftretenden Athleten für absolut sauber hält. Ein Schelm auch, der glaubt, dass der neue Präsident Sir Sebastian Coe aus Großbritannien, seines Zeichens in den 80ern selbst Olympiasieger, jenen ARD-Enthüllungsbeitrag in Sachen Blutdoping wirklich als „Kriegserklärung an seine Sportart“ sieht. Unmittelbar vor dem Wahl Duell mit dem Ukrainer Sergej Bubka, ebenfalls honoriger Olympiasieger, brauchte er wohl diese Wahlpropaganda um überhaupt dran zu kommen.

Die schöne heile Welt des Hochleistungssports – und nicht nur der Leichtathletik – bekommt durch Veröffentlichungen wie der ARD und der Sunday Times ganz schöne Dellen und wird beschädigt. Im Zeitalter des Sportmarketings ist das aber äußerst geschäftsschädigend. Moralisch gesehen für jene, die dort oben mitmischen, äußerst unangenehm, weil nun auf Gründen des Datenschutzes keine Namen genannt werden, Generalverdacht entsteht. So empfindet auch der deutsche Läufer Arne Gabius im Gespräch mit der ARD, zugegebener Maßen nach dem 10.000m WM-Finale zu einem mehr als ungeschickten Zeitpunkt befragt, den Beitrag als „absolute Frechheit“ und „schlechten Journalismus“, weil er wohl seine „Welt“, für die er viele Entbehrungen eingeht und die er über alles liebt, die ihn derzeit ernährt und zur öffentlichen Persönlichkeit macht, beschützen und bewahren will. Sie darf eben keine schlechte sein.

Da gibt es denn auch noch Hillary Stellingwerff aus Kanada und Corinna Harrer aus Regensburg, die seit Cakirs Aberkennung ihrer olympischen Erfolge in 2012 durchaus etwas mit dem Londoner 1500m Finale zu tun haben. Die Kanadierin seit dem 28. Juli 2014, die Regensburgerin seit Cakirs Disqualifikation. Beiden hat man ihren olympischen Traum einfach geraubt. Nach heutigem Stand der Dinge hätten sich beide direkt im zweiten Halbfinale als nunmehr Vierte und Fünfte für das Finale qualifiziert. Medaillen kann man nachliefern. Finals sind unwiederbringbar weg. Der Traum, einmal in einem olympischen Finale zu stehen, bleibt für beide ein Traum. Beide Läuferinnen dürfen sich zu den Ehrlichen zählen, nie aufgefallen, nie sanktioniert, und doch sind sie nun die Dummen.

So sagte denn auch Corinna Harrer unmittelbar nach Bekanntgabe von Cakirs Verurteilung: „Das ist alles unendlich traurig, noch dazu, weil an solchen Betrügerinnen auch noch die Normen ausgelegt werden. Das sind alle nur noch chemische Monster. Ich frage mich, wo das hinführen soll.“ Die Athletin kann den Schaden, den ihr die beiden Dopingsünderinnen zugefügt haben, nicht einmal einklagen. Als 1500m-Olympiafinalistin, wenn auch vielleicht nur auf Platz 10 oder 11, hätte es sich in schweren Zeiten finanziell viel besser überleben lassen. Und von denen hat die Regensburgerin in den letzten Jahren nach 2012 unverschuldet genügend abbekommen. Aber, wen interessiert das schon in Zeiten, in denen eine Sensation die andere jagt - koste es was es wolle.