DLV verhält sich in Sachen Olympianormen nun wie IAAF Präsident Coe

Regensburg, 26. Januar 2016 (orv) - "Dies ist eine Kriegserklärung an meine Sportart" tönte IAAF Präsident Sebastian Coe nach Hajo Seppelts Doping Report. Als sein "bester Freund und Ziehvater" Lamin Diack von der französischen Staatsanwaltschaft aus dem Verkehr gezogen wurde, fand dies auch der Lord schon ein wenig ekelhaft, was da in seiner Leichtathletik passiert war. Diese hatte mit ihrem scheidenden Alt-Präsidenten dem sauberen und fairen Sport einen deftigen Hieb in den Unterleib versetzt. Dass dafür in Rio nun die Russen büßen sollen ist im Grunde eine Farce. Eigentlich müsste die Leichtathletik selbst auf die Strafbank. Olympia aber ohne Kernsportart Nummer eins ist wiederum vor allem des Geldes wegen undenkbar.

Geahnt haben ein Schlamassel diesen Umfangs wohl alle, die sich nur im Entferntesten im Netzwerk des organisierten Sports in den letzten Jahren aufhielten. Gewusst wollen es jetzt selbst die engsten Vertrauten des Übeltäters nicht haben. Sie waschen alle seitdem ihre Hände fleißig in Unschuld. Obwohl die Sauereien bereits jahrzehntelang abliefen, zwar "bedauerliche" Fehlgriffe sofort und unmittelbar mit letztendlich wirkungslosen Sanktionen PR-trächtig abgepflastert wurden, geschah nichts im internationalen Sport. Man machte einfach so weiter. So lange der Rubel rollt, fehlt den Sportverbänden wohl jede Einsicht. So auch anfangs im Desaster der letzten Monate. Ins Rollen gebracht wurden die Skandale immer entweder von der unabhängigen Presse oder der Staatsanwaltschaft wie im Falle Diack beziehungsweise der FIFA, nie von den Verbänden selbst.

Warum sollte da ein Deutscher Leichtathletik-Verband eine Ausnahme machen. Im November war bei leichtathletik.de noch zu lesen: "Nach dem schockierenden WADA-Report über ein korruptes Dopingsystem beim Leichtathletik-Weltverband (IAAF) und vor allem in der russischen Leichtathletik sind die Olympianormen Anfang November 2015 noch mal verstärkt unter Beschuss geraten. Mit Robin Schembera fordert Deutschlands bester 800-Meter-Läufer auf Facebook die „Aufweichung der deutschen Qualifikationsstandards“. Begründung: Die Normen orientierten sich an Weltspitzenleistungen, die offensichtlich zu einem großen Teil von dopenden Athleten erreicht werden.

Dennoch ist es für DOSB und DLV derzeit kein Thema, die Nominierungsrichtlinien für Rio zu ändern oder gar zum jetzigen Zeitpunkt schon Marathonläufer dem DOSB zur Nominierung vorzuschlagen, wie DLV-Präsident Clemens Prokop gegenüber laufen.de erklärt. „Auch wenn der WADA-Bericht erschütternd ist, er betrifft ja längst nicht alle Leistungen, an denen sich unsere Olympia-Normen orientieren. Die Anforderungen jetzt herunterzuschrauben, käme der Annahme gleich, dass fast alle Spitzenleistungen in der Vergangenheit durch Betrug zustande gekommen sind. Auf einer solchen Unterstellung lässt sich aber selbstverständlich kein Qualifikationssystem für unsere Athleten aufbauen“, erklärte Prokop weiter. (Quelle Laufen.de vom 12.11.2015)"

Nachdem die IAAF kurz darauf in Sachen Olympianormen mit einer fadenscheinigen Begründung und ohne Bezug auf den Dopingskandal in 17 Disziplinen klammheimlich für Erleichterung sorgte, war man von Seiten des DLV immerhin bereit, in den im Dezember erschienenen Nominierungsrichtlinien darauf hinzuweisen, in der Sache mit dem DOSB noch einmal nachzuverhandeln. Bekannt war den DLV-Oberen hier auch schon, dass drei betroffene Marathonläufer/Innen klagen wollten. Nun, Ende Januar, erfolgt die Kehrtwendung nach Manier Coe. "Das Zeichen an die Athleten ist, dass wir uns in der Leichtathletik in einer besonderen Situation, in einer Ausnahmesituation befinden, die besondere Entscheidungen einfordert", sagt nun DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen, "für uns zeigt sich immer mehr, dass das statistische Material, auf das wir zur Entwicklung der Normen zurückgegriffen haben, im hohen Maße belastet, also nicht manipulationsfrei war und ist."

Zu erwarten ist, dass die Leistungen jener aufmüpfigen Marathonläufer/Innen nun wohl gut genug für Olympia sein werden und damit jeder Klagegrund entfällt. Die Leidtragenden werden die Kollegen auf der Bahn sein. Denen bleibt auf Grund des irregulären nationalen Qualifikationszeitraumes - im Gegensatz zum internationalen, der am 1.1.2015 begonnen hat - wenig Zeit für die Verwirklichung ihrer olympischen Träume. Deutsche Leichtathleten können sich erst 2016 qualifizieren - da ist wenig Zeit, den "hohen Leistungsansprüchen" des DLV gerecht zu werden und noch weniger Zeit, zu klagen. Man wird ihnen ein Paar Zehntel beziehungsweise Zentimeter als Brosamen hinwerfen und erwartet dafür tunlichst Unterwürfigkeit. Charles Friedek hat aber ein Zeichen gesetzt. Es wird nicht ungehört bleiben. Deutsche Athleten wollen wie alle anderen auf der Welt behandelt werden nach einem gleichen internationalen Maßstab. Wie sagte Philipp Pflieger heute in der Mittelbayerischen Zeitung: "Man muss ihnen jeden Zentimeter abtrotzen". und er meinte damit jene Funktionäre, die eigentlich für ihn da sein sollten, sich meist aber als Gegner darstellen und ihre Trutzburg in Darmstadt und ihr überkommenes Statusdenken  immer noch veteidigen wie anno dazumal die Burgherren im Mittelalter.