Regenburg, 30. Dezember 2020 (orv) - Dass sich die LG Telis Finanz Regensburg vor allem im zurückliegenden Jahrzehnt einen klingenden Namen als Läufer-Hochburg gemacht hat, ist bekannt. In den anderen Disziplingruppen tauchte der Name von Sportler*innen aus dem Vorzeigeverein der Domstadt dagegen nur vereinzelt auf. Spätestens 2020 jedoch hat sich das Erscheinungsbild der LG grundlegend verändert. Es war eine bewusste strategische Entscheidung von Teamchef Kurt Ring, mit dem Sprint das Portfolio des Vereins qualitativ und quantitativ zu erweitern, zumal es durchaus Schnittstellen bei beiden Disziplingruppen gibt.

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Nach Corinna Schwab, die nach ihrem Umzug von Amberg nach Chemnitz wenigstens vereinstechnisch ihrer Oberpfälzer Heimat treu bleiben wollte, entschloss sich noch eine Reihe anderer leistungsstarker Sprinter*innen und Langsprinter*innen, das weißblaue Trikot überzustreifen. Und die Liste weckte schon kurz nach ihrem Bekanntwerden bei anderen deutschen Vereinen Begehrlichkeiten. Da war vor allem Mona Mayer, die mehrfache Deutschen Jugendmeisterin über 400 Meter, die mit Samuel Werdecker und Fabian Schäffler vom MTV 1881 Ingolstadt gekommen war, und mit ihnen zwei exzellente Sprint- und Langsprinttrainer, nämlich Ruth Mayer, die frischgebackene BLV-Teamleiterin Sprint, sowie Reinhard Köchl, seines Zeichens BLV-Vizepräsident Sport. Dazu kamen noch die 4 x 100-Meter-Weltrekordlerin der Altersklasse U 20, Katrin Fehm (vormals ESV Amberg), Bayerns schnellste Frau und WM-Teilnehmerin von London 2017, Amelie-Sophie Lederer (vormals LAC Quelle Fürth), sowie die zweimalige EM-Staffel-Bronzemedaillengewinnerin Maike Schachtschneider (vormals TV Wattenscheid 01). Ein neues Team, das der Fantasie Flügel verlieh.
 
Wie gut die neuen schnellen Frauen und Männer in Blauweiß tatsächlich waren, das zeigte sich schon recht früh bei den Deutschen Hallenmeisterschaften im Februar in Leipzig, wo von vier Telis-Medaillen allein drei auf das Konto der Sprinterinnen gingen (die vierte holte „Dauerbrenner“ Flo Orth über 3000 Meter). Über allem thronte Corinna Schwab, die nach einem Seuchenjahr wie Phönix aus der Asche auf die nationale Bühne zurückstürmte und sich bereits vor den Titelkämpfen in die Position der Favoritin über 400 Meter emporkatapultiert hatte. In einem grandiosen Finale über die zwei Hallenrunden lief sie mit einer Steigerung auf den neuen bayerischen Rekord von 52,65 Sekunden zu ihrem ersten Frauentitel, zugleich den 50. Einzeltitel ihres Clubs in der Männer- und Frauenklasse in dessen 50-jähriger Geschichte. Dass nach dem Vorlauf ausgerechnet die erst 18-jährige Mona Mayer mit einer Steigerung auf 53,35 Sekunden als Schnellste in den Kampf um die Medaillen gehen sollte, war eine faustdicke Überraschung und auch ein Fingerzeig für die Zukunft. Auch wenn Mayer im Finale nur der undankbare vierte Platz in abermals herausragenden 53,50 Sekunden blieb, verbesserte sie ebenfalls die bayerische U 20-Bestmarke und setzte sich gar auf Rang eins der europäischen Hallenbestenliste ihres Jahrgangs. Seit der Wende war keine U 20-Jugendliche in der Halle schneller als die junge Erdingerin gewesen, die in der Woche zuvor auch noch ihren deutschen U 20-Titel in Neubrandenburg souverän verteidigte hatte, gelaufen.

Fehm Schwab Schachtschneider Mayer2 DM Halle2020 KiefnerfotoAuch mit der nächsten Überraschung aus Regensburger Sicht hatten allenfalls Insider gerechnet. Im 200-Meter-Finale der Frauen gelang es Amelie-Sophie Lederer, mit dem zweiten Platz und persönlicher Bestzeit von 23,62 Sekunden all jene zu verblüffen, die vorher nur geunkt hatten, die Hallenrunde wäre für die fränkische 100-Meter-Sprinterin in etwa so kraftaufwändig wie ein Marathonlauf. Die finale Silbermedaille mit der 4 x 200-Meter-Staffel der Frauen hätte danach womöglich sogar golden glänzen können. Natürlich hatten Corinna Schwab und Mona Mayer nur eine Stunde nach ihrem fulminanten 400-Meter-Finale buchstäblich Rückenwind, natürlich waren Katrin Fehm und Maike Schachtschneider ausgeruht, sodass am Ende Silber in hervorragenden 1:36,14 Minuten zu Buche stand. Was aber gewesen wäre, wenn Amelie-Sophie Lederer, die frischgebackene Deutsche Vizemeisterin über 200 Meter, nicht auf einen Staffelstart verzichtet hätte, kann sich jeder ausmalen. Eine verpasste Chance, die so schnell nicht mehr wiederkehrt.

Unmittelbar danach schlug die Corona-Pandemie erbarmungslos zu. Die zarten Olympia-Pflänzchen, die nach der furiosen Hallensaison bei den meisten Protagonistinnen zu keimen begonnen hatten, oder die Gedanken an eine Endlauf-Teilnahme bei der U 20-WM in Kenia hatten in Windeseile keinen Nährboden mehr. Stattdessen: Tristesse, Ratlosigkeit. Der Leistungssport war komplett am Boden, der vermaledeite Virus hatte innerhalb von nur wenigen Tagen brutal nahezu alle sportlichen Träume zerstört. Während Corinna Schwab in Chemnitz trotz des bundesweiten Lockdowns weiterhin trainieren durfte, musste der Rest der Truppe in München tatenlos auf dem heimischen Sofa ausharren. Von Mitte März bis Anfang Mai galt es, auf Feldwegen eine Art Notprogramm zu absolvieren. Kein Krafttraining, keine Bahn – für ambitionierte Sprinter eigentlich der Worst Case. Die Folgen bekamen dann auch Katrin Fehm, Mona Mayer, Maike Schachtschneider, Samuel Werdecker und Fabian Schäffler in Gestalt von größeren oder kleineren Verletzungen zu spüren, die entweder zu weiteren Zwangspausen oder gar zum vorzeitigen Saisonabbruch nach hoffnungsvollem Neubeginn wie im Falle von Katrin Fehm führten.

Für Corinna Schwab begann derweil der endgültige Aufstieg in den Leichtathletik-Olymp. Schon beim ersten Wettkampf in Berlin pulverisierte die 21-Jährige den bayerischen Uraltrekord über 400 Meter von Mary Wagner und blieb mit 51,97 Sekunden zum ersten Mal unter der magischen 52er-Marke. Dies bedeutete gleichzeitig den Startschuss für eine fulminante Serie, an deren Ende sie gleich zehn Mal unter 53 Sekunden blieb und sogar Diamond-League-Luft in Monaco schnuppern durfte. Die Krönung einer höchst problematischen „Corona-Saison“, in der Corinna Schwab bei den Deutschen „Geister“-Meisterschaften in Braunschweig bei sengender Hitze noch einmal ihren Bayerischen Rekord mit 51,73 Sekunden verbesserte und nach der Halle auch den Titel im Freien holte. Keine andere 400-Meter-Läuferin hatte die nationale Szene in den vergangenen Jahren so dominiert, wie die Ambergerin 2020. Dass sie zum Jahreswechsel das Telis-Trikot auszieht und in das des LAC Erdgas Chemnitz schlüpft, scheint eine leider unvermeidliche Entwicklung auf dem Weg zur absoluten Spitze zu sein. Wir wünschen Corinna aber auf jeden Fall das Allerbeste und bedanken uns für zwei tolle Jahre als Regensburgerin!

Dass die LG Telis Finanz jedoch nicht aus den 400-Meter-Schlagzeilen verschwinden wird, dafür dürfte schon allein Mona Mayer sorgen. Im Hammer-Finale von Braunschweig, in dem alle acht Läuferinnen persönliche Best- oder Jahresbestzeiten ablieferten, hatte sich die junge Telis-Frau bereits einen Platz erkämpft. Dass es in einem Klassefeld „nur“ zu Rang sieben in 53,43 Sekunden reichte, war dabei alles andere als ein Beinbruch. Nach muskulären Problemen relativ spät in die „Late Season“ eingestiegen, fehlten ihr diesmal noch einige Rennen für die nötige Tempohärte. Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften Anfang September in Heilbronn bewies sie dann noch einmal mit zwei Silbermedaillen über 400 in 53,69 Sekunden und 200 Meter in pfeilschnellen 23,82 Sekunden, wie viel Potenzial in ihr steckt. Von Mona Mayer wird man unter Garantie noch eine Menge hören!

Achermann Ochmann Seitz 2020
Um eine Hundertstelsekunde an ihren eigenen bayerischen Rekord über 100 Meter kam bei der Sparkassengala im Juli Amelie-Sophie Lederer mit 11,29 Sekunden heran. Auch über 200 Meter gab es noch einmal eine Steigerung auf 23,43 Sekunden. Über die kürzere Sprintdistanz kam sie im DM-Endlauf von Braunschweig auf Rang fünf (11,43 Sekunden), über 200 Meter war im Halbfinale Endstation. Auch Amelie-Sophie Lederer hat sich dazu entschlossen, künftig für einen anderen Verein zu starten, nämlich die LG Stadtwerke München. Dazu wünschen wir ihr natürlich ebenfalls jede Menge Glück und Erfolg!

Doch es ist keineswegs so, dass das Kapitel „Sprint“ bei der LG Telis Finanz Regensburg wegen der Abgänge das Dasein einer „Ein-Jahres-Fliege“ fristen muss. Eine Reihe von aussichtsreichen Nachwuchstalenten hat sich dazu entschlossen, ab 2021 die Tartanbahnen der Republik und vielleicht auch außerhalb Deutschlands in der Trikotfarbe Blau „brennen“ zu lassen. Hinter den bereits etablierten Katrin Fehm und Mona Mayer versuchen nun andere, es ihnen gleichzutun. Der mithin hochkarätigste Neuzugang ist dabei die 100- und 200-Meter-Sprinterin Sabrina Hafner. Die 17-Jährige kommt vom schwäbischen TV Erkheim, betreibt erst seit gut zwei Jahren Leichtathletik, wurde bei den Deutschen U 18-Meisterschaften in Heilbronn Vierte über 200 Meter, belegt Platz drei in der deutschen Jahresbestenliste und gehört dem Bundeskader NK 1 U 20 an. Außerdem kommt mit der 18-jährige Sophie Ochmann von der LG Eckental eine relativ erfahrene mehrfache bayerische Meisterin über 400, 400 Meter Hürden und 800 Meter. Auf eine ähnliche Erfolgsbilanz kann René Zapel zurückblicken. Der Langsprinter vom LuT Aschaffenburg belegte überdies 2019 Platz fünf im DM-Finale der U 20 über 400 Meter Hürden. Gerade einmal 16 Jahre jung sind Ilva Seitz (von der LG Augsburg) und Hanna Ackermann (vom TSV Penzberg). Ihnen gehört auf jeden Fall die Zukunft – hoffentlich nach Corona. Und die sieht auch im Sprint bei der LG Telis Finanz durchaus rosig aus.

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