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Offener Brief von Marco Scherl zur EM-Nominierung im Marathon

ScherlAnja1 DM Marathon2019 Scherlfoto
Regensburg, 16. Mai 2022 (Scherl) - Als Sportler, Trainer und sportbegeisterter Zuschauer vertrete ich die Meinung, dass Sport nach gewissen Spielregeln ablaufen muss, denn Spielregeln garantieren die grundlegenden Prinzipien der Fairness wie Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Mit der Teilnahme an einem sportlichen Wettkampf gehen Sportler eine unausgesprochene Vereinbarung ein, die grundlegenden Regeln des Wettkampfes einzuhalten. Die bittere Erfahrung, dass dieses Grundprinzip nur für Sportler aber nicht für deren verantwortlichen Verbände, insbesondere die DLV-Führung, gilt, musste Anja Scherl hinsichtlich der Leichtathletik-EM letzte Woche bitter erfahren.

Für Trainer und Athleten ist die Veröffentlichung der Nominierungsrichtlinien ein wichtiger Tag, weil hier der Verband die „Spielregeln“ bekannt gibt, nach welchen Grundsätzen er eine Nominierung vornimmt. In den Nominierungsrichtlinien ist unter anderem festgelegt, in welchen Zeitraum eine Qualifikationsleistung zu erbringen ist, wie viele Athleten nominiert werden, welche Voraussetzungen Athleten erfüllen müssen und wann die Nominierung erfolgt. Im vorliegenden Fall, habe ich von der leitenden Bundestrainerin Marathon Katrin Dörre-Heinig die Auskunft erhalten, dass nur Athleten nominiert werden können, die zum Nominierungstermin (03.05.2022) auch ein Startrecht haben. (Hierbei sei angemerkt: Laut dem DLV-Vizepräsidenten Hartmut Grotkopp ist die Bundestrainerin Marathon die richtige Ansprechpartnerin zu diesem Thema.)
Unmittelbar vor der Nominierung war die Situation also klar: Anja war auf Platz 6 der EM-Rangfolge des deutschen Teams. Sollte bis zum Nominierungstermin (03.05.2022) das Startrecht von Kristina Hendel vorliegen, fällt Anja auf Platz 7 zurück und erhält somit keinen Startplatz für die EM – was auch gut und richtig ist, denn so sind die Spielregeln!
Anja war fit und motiviert. So fieberten wir also dem 03.05.2022 entgegen – ähnlich wie bei einem Marathonlauf, bei dem die Entscheidung nach 42 km auf der Zielgerade fällt.

Rolle der Kontrollorgane Athletenvertretung und Ombudsstelle unklar
Am Tag vor der Nominierung überkam mich plötzlich das Gefühl, dass der DLV im Hintergrund versuchte sich nicht mehr an die Spielregeln zu halten. Deshalb habe ich am Tag der Nominierung auch die DLV-Athletensprecherin und die Ombudsstelle gebeten, die Nominierung zu überwachen:

 „[…] heute (03.05.2022) ist der Nominierungstermin für den EM-Marathon in München. Ich möchte dich in deiner Position als Athletenvertreter bitten, darauf zu achten, dass die Athleten nach den veröffentlichten Nominierungsrichtlinien nominiert werden. […]
Es versteht sich von selbst, dass dieses Startrecht am Nominierungstag vorliegen muss. Dies wurde mir von der Bundestrainerin so bestätigt.

Ich habe erhebliche Bedenken, dass sich der BAL an die Regeln und Zusagen hält und hoffe auf deine Unterstützung […]“
Eine Antwort der Ombudsstelle steht immer noch aus. Aber diese Erfahrung habe ich, wie auch andere Athleten, in der Vergangenheit leider schon häufiger gemacht. Damit drängt sich mir die Frage auf: Welche Daseinsberechtigung hat diese Stelle, wenn sie nur in der Theorie die Grundsätze guter Verbandsführung vertritt?
Die DLV-Athletensprecherin hat am Tag nach dem offiziellen Nominierungstermin (03.05.2022) bestätigt, dass alle Regularien eingehalten wurden. Wenige Tage später habe ich dann jedoch von ihr die Auskunft erhalte, dass noch gar keine Nominierung erfolgt ist. Dieser Widerspruch von Aussagen ist für mich nicht nachvollziehbar und es stellt sich mir die Frage: Wieviel Handlungsspielraum haben die Athletensprecher tatsächlich, um die Athleten gegenüber dem Verband zu vertreten?
In der Folge drängte sich bei mir langsam der Verdacht auf, dass der DLV im Hintergrund bewusst die Spielregeln anpasst und seine Verbandshoheit missbraucht. Daraufhin haben wir den DLV schriftlich aufgefordert, unverzüglich eine Nominierung vorzunehmen und diese zu veröffentlichen. Uns war klar, dass hierfür nur der Stand vom 03.05.2022 herangezogen werden kann.

Die Chefbundestrainerin führt unter anderem die Urlaubssituation als Grund für eine verspätete Nominierung auf
Als Reaktion haben wir ein Antwortschreiben der Chefbundestrainerin Annett Stein erhalten, dass Anja nur als Ersatz nominiert wird. Die Argumentation macht allerdings sprachlos! Es wird angeführt, dass u.a. Urlaub ein Grund dafür sei, dass der offizielle Nominierungstermin (03.05.2022) durch den DLV nicht eingehalten werden konnte. Einen Tag nach dem offiziellen Nominierungstermin soll der kroatische Verband die Startfreigabe für Kristina Hendel erteilt haben und die Nominierung wäre am 07.05.2022 korrekt erfolgt.
Dieses Verhalten lässt für mich nur den Schluss zu, dass der DLV bildlich gesprochen, die Nachspielzeit solange verlängert hat, bis das gewünschte Ergebnis eingetroffen ist.
Aus rechtlicher Perspektive kann jedenfalls nicht von einem regeltreuen Vorgehen gesprochen werden (Stichwort: Compliance). Die Chancen für Anja einen Rechtsstreit entsprechend auch zu gewinnen, stehen gut. Gerade auch deshalb, weil für eine Nominierungsentscheidung nur der Stand des Stichtags 03.05.2022 herangezogen werden kann.
Abgesehen davon stellen sich aufgrund dieser Situation aber auch weitergehende Fragen: Will man den Startplatz wirklich vor Gericht einklagen und einen Verband vertreten, dessen „gelebte Werte“ man selbst nicht vertritt? Und zu guter Letzt: Will man Kristina Hendel in eine schwierige Situation bringen, obwohl sie für die Umstände auch nichts kann?
Es ist klar: Den Preis für das Fehlverhalten des Verbands zahlt am Ende eine der beiden Sportlerinnen und nicht der Verband. In Anbetracht dieser sehr unausgeglichenen Situation und dem Verhalten des Verbandes, hat Anja die Entscheidungen getroffen, nicht gerichtlich gegen den Verband vorzugehen und nicht mehr für den DLV an einer Startlinie zu stehen.