Die Marathonläufer/innen der LG Telis Finanz fiebern der Heim-EM in München entgegen

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Regensburg, 2. August 2022 (orv) –  Nicht erst seit gestern ist Regensburg eine Marathon-Stadt. Die Geschichte kam so richtig mit Anja Scherl und  Philipp Pflieger 2016 ins Laufen, als beide bei den Olympischen Spielen in Rio an der Startlinie standen. Seitdem hat der olympische Traum, und nicht nur dieser, Regensburgs Marathonis nie mehr los gelassen. Mit Domenika Mayer, Miriam Dattke und Simon Boch wurden nun drei Asse der LG Telis Finanz vom Deutschen Leichtathletik-Verband für die European Championships in München nominiert. Ihr Teamkollege Konstantin Wedel vervollständigt das sechsköpfige deutsche Team beim gleichzeitig ausgetragenen Europacup. Mayer, Dattke und Boch hätten auch schon bei den Weltmeisterschaften in Eugene starten können, zogen aber den Start bei der Heim-EM vor.

Da die Kontinentalmeisterschaften quasi vor der Tür stehen, die Marathonentscheidungen zudem die Leichtathletikwettbewerbe am Vormittag des 15. August eröffnen, ist es höchste Zeit, das Ganze genauer unter die Lupe zu nehmen. Was bei allen Vieren gleich ist, ist der gehörige Respekt vor dem, was in den Straßen von München auf sie zukommen wird. Aller Voraussicht nach wird es heiß, sogar sehr heiß werden am Maria Himmelfahrtstag und das bei Startzeiten von 10.30 Uhr für die Frauen und 11.30 Uhr für die Männer. „Was sich die Verantwortlichen des Europäischen Verbands dabei gedacht haben, kann niemand nachvollziehen, es läuft alles auf eine Hitzeschlacht hinaus“, schüttelt dazu Telis Chefcoach Kurt Ring den Kopf, „selbst eine Petition der betroffenen Athleten/Innen fand bisher kein Gehör bei den EM-Machern“.

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Während in Eugene bei den Weltmeisterschaften die Marathonläufer/innen bei angenehmen zehn Grad frühmorgens auf die 42,195 Kilometer lange Reise geschickt wurden, warten auf Dattke und Co. Höllenqualen. „Natürlich haben wir alle die Petition unterschrieben, bisher hat sich aber nichts getan. Einziger Trost ist, dass die Bedingungen für alle Konkurrentinnen gleich schlecht sein werden“, sagt die 24Jährige, die mit exakt der gleichen Zeit von 2:26:50 Stunden zusammen mit ihrer Teamkollegin Domenika Mayer die diesjährige deutsche Bestenliste anführt. In Europa rangieren beide zum jetzigen Zeitpunkt auf Platz sechs. Was dieses Ranking wirklich wert ist, kann keiner sagen, weil sich viele Konkurrentinnen auch schon im Vorjahr qualifiziert haben, einige davon einen WM-Start vorzogen und der individuelle Umgang mit der zu erwartenden Hitze wohl großen Einfluss auf den Ausgang des EM-Rennens nehmen wird.


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Genauso wie für Miriam Dattke ist es auch für Domenika Mayer erst der zweite Lauf über die Königsdisziplin. Beim ersten Versuch verblüffte sie als souveräne Deutsche Meisterin Anfang April in Hannover gleich mal die gesamte Fachwelt und machte dabei nicht den Eindruck, nicht noch schneller zu können. „Ein Platz unter den besten Fünfzehn wäre ein Traum“, sagt dazu ihr Heimcoach und Ehemann Christian Mayer, „ein anfangs defensives Herangehen an den Lauf kann sicher unter den zu erwartenden Voraussetzungen nicht das Schlechteste sein.“ Sieht man einmal von Mayers Ausflug zur Berglauf-EM, bei der sie als Sechste durchaus zu überzeugen wusste, haben beide Telis-Läuferinnen bis zum letzten Wochenende auf weitere Rennen in der über zehnwöchigen Marathonvorbereitung verzichtet. Was sie sich dabei erarbeitet haben, scheint vom Feinsten zu sein, wie das 10km Rennen bei der adidas Runners Night am letzten Samstag in Berlin zeigte.


Domenika Mayer erledigte mustergültig ihren Auftrag, „von vorn bis hinten kontrolliert durchzulaufen“ und verbesserte dabei bei keineswegs leistungsfördernden 25 Grad ihren bisherigen Hausrekord als Dritte auf sehr gute 32:22 Minuten. Miriam Dattke sollte fünf Kilometer mit der bis dorthin führenden Kroatin Matea Parlow Kostrow mitlaufen, um dann zu versuchen, „ins Rollen“ zu kommen. Diesen Ausdruck verwendet die letztjährige Deutsche Meisterin im Halbmarathon gerne für eine leichtfüßige Beschleunigung des Grundtempos. „Ich habe unterwegs gar nicht gedacht, dass ich so nahe an meine persönliche Bestmarke herangelaufen bin“, bemerkte die Athletin, die sich in der Regel weniger auf Zwischenzeiten als auf ihr Gefühl verlässt. „Über 31:43 Minuten und einer wesentlich schnelleren Hälfte in 15:37 Minuten“ war selbst ihr langjähriger Heimtrainer Kurt Ring sprachlos – und der ist einiges von seiner Athletin in puncto Überraschungen gewohnt. In Deutschlands 10km Ranking ist das nun auch noch Platz eins.

Beide Regensburgerinnen hoffen natürlich auf einen kompakten Auftritt der deutschen Mannschaft. Zusammen mit ihnen weist das übrige Quartett mit den beiden Olympiastarterinnen Katharina Steinruck und Deborah Schöneborn, sowie deren Schwester Rabea und Kristina Hendel Marathonzeiten zwischen 2:25:58 und 2:27:30 Stunden auf. „Da nur die ersten Drei eines Teams für die Mannschaftswertung gewertet werden, darf sich keine des Sextetts einen negativen Ausrutscher erlauben, um in den Kampf um die drei begehrten Plätze eingreifen zu können“, sagt Ring, „ ein kleiner Fehler - und schon sind dreißig Sekunden weg.  Die Medaille, von der sie alle träumen, bekommen sie dann zwar alle Sechs, das ist aber für eine ehrgeizige Läuferin dann nur ein schwacher Trost.“

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Von diesem Stück Edelmetall, gleich welcher Farbe träumt auch Simon Boch in der Teamwertung. Auch er hat erst einen Marathon in den Beinen, aber den Vorteil, dass er bei seinem 2:10:48 Stunden im März 2021 in Dresden schon mal grottenschlechte Bedingungen erwischt hatte. „Dass fast alle Experten von einem Lauf sprachen, der mindesten zwei Minuten mehr wert war, davon konnte ich mir nichts abbeißen. Der Traum von Olympia 2021 war futsch, weil eben drei deutsche Athleten am Ende geringfügig schneller waren“, blickt der Schützling von Kurt Ring immer noch mit etwas Wehmut zurück, „ und jetzt schon wieder so ein Rennen, das ich gar nicht so recht einschätzen kann.“ Dass er gut drauf ist hat er wie seine Clubkolleginnen bei der adidas Runners City Night unter Beweis gestellt. Als überlegener Sieger verfehlte er den Streckenrekord nur um eine Sekunde. „Dabei war es auch in Berlin alles andere als angenehm, selbst die eigene Spucke ist mir im Mund eingetrocknet.“


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Mit seinen beiden bisher noch wesentlich schnelleren Kollegen Richard Ringer und dem deutschen Rekordhalter Amanal Petros will auch er auf Siegerpodest in der Europacup-Mannschaftswertung. „Einfach nur dabei sein und sein Bestes zu geben“, ist die Devise von Bochs Teamkollegen Konstantin Wedel, der sich mit seinen in Sevilla im Frühjahr erzielten 2:12:58 Stunden gerade noch ins deutsche Team lief. „Er kann als absoluter Pechvogel bezeichnet werden, weil ihn im abschließenden Höhencamp in Sankt Moritz Corona erwischte.“ Trotzdem ist er optimistisch. „Alles deutet darauf hin, dass ich laufen kann“. Ein letzter Medizincheck kurz vor der EM wird’s letztendlich entscheiden.


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Genauso wie Konstantin Wedel wird auch Filimon Abraham, der erst in diesem Jahr wieder zur LG Telis Finanz stieß, vom ehemaligen DLV Teamleiter Thomas Dreißigacker gecoacht. Abrahams Plan lief anfangs auf eine Marathon Teilnahme hinaus. Dann setzte er  seinen ersten Marathon in Hamburg in den Sand, musste aus körperlichen Gründen das Rennen sogar nach dreißig Kilometer beenden. Der inzwischen 31Jährige, der schon einmal 2016 das blaue Trikot trug, dann aber seine angestrebte Profikarriere für eine Berufsausbildung, das Erlernen der deutschen Sprache und die Einbürgerung in den Vordergrund stellte, setzte nach dem Marathondebakel alles auf die Karte 10.000m, verfehlte bei der DM in Pliezhausen Anfang Mai noch hauchdünn die EM-Norm als Vizemeister hinter Boch, um sie dann mit einem couragierten Lauf beim 10.000m Europacup im Pacé endgültig einzutüten. Schone Attitüde dabei: Nachdem die Marathonläufer die EM eröffnet haben, wird Abraham Teil des Schlusstages sein. „Im Nachhinein ist das so wie es lief, optimal gelaufen. Hätte sich Filimon für den Marathon qualifiziert, hätte er Konstantin aus dem Team verdrängt“, sagt dazu Teamleiter Kurt Ring