Bei der EM in München gehen im Einzelrennen mit Domenika Mayer, Miriam Dattke und Simon Boch gleich drei Regensburger an den Start

Telis Marathon EM22 Team Stolzenbergfoto
Regensburg, 4. August 2022 (Michael Stolzenberg) - 50 Jahre nach den Olympischen Spielen 1972 rückt München mit den „European Championships“ in neun Sportarten wieder in den Mittelpunkt der internationalen Sportszene. Im Rampenlicht steht die Leichtathletik-Europameisterschaft vom 15. bis 21. August, die gleich zu Beginn aus Regensburger Sicht allergrößte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Denn am ersten Tag der EM stehen die Marathonläufe bei Frauen und Männern auf dem Programm – und die Hälfte der sechs deutschen Teilnehmer beim Einzelstart werden von der LG Telis Finanz ins Rennen geschickt: die amtierende deutsche Marathon-Meisterin Domenika Mayer sowie die beiden Halbmarathon-Meister Miriam Dattke und Simon Boch. Zudem kommt im Teamwettbewerb mit Konstantin Wedel ein vierter und über 10.000 Meter mit Filimon Abraham ein fünfter Regensburger zu EM-Ehren. Das Trio Mayer, Dattke und Boch fand nach einer Trainingseinheit auf der RT-Anlage am Oberen Wöhrd Zeit für ein Interview mit der Regensburger Zeitung.

Der EM-Countdown läuft, die Vorbereitung ist auf der Zielgeraden. Sind Sie aktuell eher fokussiert bis angespannt – oder überwiegt die Vorfreude auf dieses Karriere-Highlight?
Domenika Mayer: Man versucht, die Aufregung vor diesem großen Tag nicht so an sich ranzulassen und sich aufs Training zu konzentrieren. Es ist ja bei uns nicht so wie bei anderen Athleten, dass man jede Woche einen Wettkampf hat. Aber man darf sich auch nicht versteifen und zuviel Druck machen, das wäre kontraproduktiv. Ich versuche so lange wie möglich entspannt zu bleiben (lacht)...
Simon Boch:  Der harte, anstrengende Teil des Trainings ist schon rum, so dass ich es momentan genießen kann. Ich habe in der Vorbereitung alles gemacht, bin gut drauf und muss jetzt noch koordinieren, dass ich genau am richtigen Tag die richtigen Beine habe.

Der 42,195 Kilometer lange Marathon führt in vier Runden durch die Münchner Innenstadt – Start ist für die Frauen um 10.30 Uhr und für die Männer um 11.30 Uhr, was ein Hitzerennen relativ wahrscheinlich macht. Bereitet Ihnen das im Vorfeld Kopfzerbrechen?
Mayer: Es ist schon ein Thema, aber es bringt ja nichts, sich in einer Hitzediskussion zu verlieren. Wir trainieren in Regensburg, eine Stunde entfernt von München, und akklimatisieren uns sozusagen automatisch...
Boch: ...ich denke, man muss versuchen, es positiv zu sehen. Wenn es so ist, dann ist es so. Die Startzeiten sind für einen Marathon zwar absurd, aber das kann auch Türen öffnen. Vielleicht kann man weiter vorne landen, wenn man sich gut kühlt und mit einer klugen Strategie läuft. Es geht an dem Tag nicht darum, eine gute Performance zu zeigen, sondern von den Leuten, die da sind, die beste Performance zu zeigen.

Welche individuellen Ziele haben Sie sich für die EM gesetzt?

Mayer: Es ist ja für uns alle überhaupt erst der zweite Marathon, den wir ins Ziel laufen werden. Ich wünsche mir, dass es sich genauso leicht anfühlt wie beim ersten. Über eine Platzierung kann ich wenig sagen, weil ich nicht genau weiß, wer am Start ist und wie die jeweiligen Bestzeiten sind.
Miriam Dattke: Ich bin erst mal froh, dass ich mich qualifiziert habe, und möchte Erfahrungen für meine weitere Entwicklung sammeln. Ich würde gerne unter die ersten 20 oder auch 15 kommen wollen, aber das ist extrem schwer einzuschätzen. Für mich ist es die erste internationale Meisterschaft bei den Frauen, und ich hoffe, dass ich noch weitere Startmöglichkeiten im Nationaltrikot bekomme.
Boch: Wenn ich einen guten Tag erwische und mit dem Wetter zurechtkomme, dann ist mein Ziel schon, in die Top Ten reinzulaufen. Aber es ist Marathon. Wenn man bei Kilometer 35 feststellt, dass man zuviel wollte – dann ist man ganz schnell auf Platz 40 oder so. Du brauchst auch die Tagesform und ein bisschen Glück.

Sehr bemerkenswert ist die Tatsache, dass Sie alle drei die schnellen Zeiten, mit denen Sie die EM-Tickets gelöst haben, bei Ihren Premieren-Marathons gelaufen sind. Das spricht für eine exzellente Trainingssteuerung Ihres Trainers Kurt Ring – sehen Sie weitere Gründe?
Boch: Ich habe die Corona-Zeit genutzt. Beim ersten Lockdown habe ich gesagt: Okay, jetzt mache ich mal Pause, lege mich auf die Couch, esse meinen Schweinebraten und lasse es mir gutgehen. Aber nach zehn Tagen haben wir angefangen, uns im Naabtal zu treffen, und zwei Long Runs die Woche gemacht. So hatte ich für meinen ersten Marathon einen unfassbar langen Vorlauf mit unfassbar vielen Kilometern. Normalerweise macht man drei Monate Vorbereitung – ich hatte über ein Jahr.
Dattke: In erster Linie liegt es am Training, aber wir haben auch Spaß und Freude an dem, was wir machen. Laufen ist unsere Leidenschaft, da fällt einem vieles leichter...

Sie zählen in einer olympischen Kernsportart zur deutschen Spitze, laufen nun bei der EM auf der großen internationalen Bühne. Zugleich fristen Leichtathleten – von ganz wenigen Lichtgestalten wie Malaika Mihambo abgesehen – im Vergleich zu Fußballern oder auch Vertretern manch anderer Sportart ein eher mäßig beachtetes Dasein. Fühlen Sie sich, was Aufmerksamkeit der Medien, Popularität bei den Fans oder auch Verdienstmöglichkeiten betrifft, angemessen wertgeschätzt?
Boch: Manchmal fände ich ein bisschen mehr Wertschätzung schon cooler, denn man steckt ja sehr viel Arbeit rein. Vom Verdienst her kann ich mich nicht beschweren: Durch die Bundeswehr und meine Sponsoren verdiene ich Geld und bin dadurch auch Profi. Aber was das System betrifft: Leichtathletik als Leistungssport ist in Deutschland einfach nicht so angesehen. Wenn man bei einer WM in Zukunft wieder mehr Medaillen sehen will, muss man von unten anfangen. Man muss die Strukturen viel besser aufbauen, die Leute in den Schulen, beim Studium, in den Firmen abholen. Andere Länder haben diese Systeme und sind deswegen besser. Wenn ich einen neuen Ingebrigtsen (norwegischer 1.500 Meter-Olympiasieger und 5.000 Meter-Weltmeister; Anm. d. Red.) haben will, kann ich den nicht erst mit 28 (so alt ist Simon Boch) fördern, sondern muss schon mit 16 anfangen.
Mayer: Wenn mir als Jugendliche oder junge Erwachsene jemand gesagt hätte, dass man das, was man gerne macht, also bei mir das Laufen, quasi zum Beruf machen kann, dann hätte ich es versucht. Unsere Gesellschaft sieht den Sport als Hobbyerscheinung und Gesundheitserhaltung; der Gedanke, dass man damit – nicht nur im Fußball – Geld verdienen und sein Leben darauf stellen kann, ist eher unterentwickelt. Man kann das aber schaffen, auch bei mir ging’s irgendwann, aber halt sozusagen andersherum – als ich schon gut war.

Das heißt, Sie sind mit 31 Jahren jetzt auch Profi?

Mayer: Ich arbeite als Polizeibeamtin in Sulzbach-Rosenberg noch zehn Stunden wöchentlich, kann das aber flexibel handhaben.

Miriam, Sie sind mit 24 die Jüngste in diesem Trio, wie ist es bei Ihnen?
Dattke: Also, ich laufe wirklich um des Laufens willen. Ich würde niemals sagen, dass es unfair ist, dass ein anderer Sportler mehr Aufmerksamkeit bekommt. Wenn wir da auf der Bahn rumturnen – ist ja schön und gut. Aber es gibt so viele Leute, die jeden Tag so viel mehr und Wichtigeres leisten – und gar keine Aufmerksamkeit bekommen. Deswegen können wir dankbar sein, dass wir den Sport, den wir lieben, ausüben und davon leben können. Ich studiere nebenbei International Management und habe den Luxus, dass ich mein Studium durch den Sport finanzieren kann.

Das heißt, Sie sind ganz froh, dass Sie nicht das Leben eines Profifußballers haben?
Dattke: Vielleicht ist es ja zum Teil ein Segen so. Wenn sich jemand verletzt und seine Karriere beenden muss, fällt niemand von uns in ein Loch. Ich persönlich würde nicht in der Situation sein wollen, dass ich einen richtig tollen, krassen Vertrag habe, aber eben auch den Druck, wie ihn zum Beispiel ein Profifußballer hat. Ich finde, ich habe ein cooles Leben, kann meinen Sport machen und kann was lernen. Und es geht ja nicht nur um die Karriere, sondern auch um die Zeit danach.

Sie alle stammen nicht von hier, sondern haben aus Nagold nahe Stuttgart (Domenika Mayer), Berlin (Miriam Dattke) bzw. aus dem Schwarzwald (Simon Boch) den Weg in die Oberpfalz gefunden. Was macht Regensburg zu einem so besonderen Ort für Langstreckenläufer?
Boch: Das Team und Trainer Kurt Ring.
Dattke: Und das Athletenhaus, wo Simon und ich gewohnt haben. Das war damals für mich eine sehr gute Möglichkeit, in eine neue Stadt zu ziehen, ohne sich einsam zu fühlen. Mit anderen Athleten eine richtige Gemeinschaft zu haben, das war ein schöner Einstieg. Sowas hat nicht jede Stadt.
Mayer: Kurt Ring hat großes Vertrauen in die Athleten. Er sieht immer den Menschen in uns. Und das Trainingskonzept geht auf, wir haben Erfolg!
Boch: Wir sind ja alle drei mit nicht allzu viel Vorleistung hierhergekommen. Ich wusste zwar damals, dass ich laufen kann, aber ich glaube, ich habe drei Jahre gebraucht, bis Kurt gesehen hat: Halt mal, der Junge kann ja wirklich was, der erzählt nicht nur irgendwelche Geschichten. Wenn ich aus heutiger Sicht zurückschaue, dann bin ich für diese Entwicklung sehr dankbar.

von Michael Stolzenberg dankend zur Verfügung gestellt, erschienen auch in der Regensburger Zeitung in der Dienstagsausgabe 2. August 2022